Victor Hugo, Der Mann mit dem Lachen

 

Bei der Veranstaltung Kleine Verlage am Großen Wannsee traf ich mich mit dem Autor und Übersetzer Rainer G. Schmidt. Anlass war dessen Neuübertragung des Victor Hugo-Romans L'homme qui rit (1869), die soeben in der Achilla Presse erschienen ist (siehe die ausführliche Kritik von Niklas Bender in der Frankfurter Allgemeine[n] Zeitung vom 5. Juli 2013: "Er war das Grauen, sie war die Anmut"), und über die ich aus erster Hand nähere Auskünfte erfragen wollte.

Ich wusste gar nichts, so war alles überraschend -

 

  • z. B. dass der Roman erst jüngst wieder verfilmt worden ist (2012), mit Gérard Depardieu, Emmanuelle Seigner und Marc-André Grondin; frühere Adaptationen datieren von 1928 (USA, Regie: Paul Leni, mit Conrad Veidt und Mary Philbin) und 1966 (Italien, Regie: Sergio Corbucci, mit Jean Sorel und Ilaria Occhini); eine erste französische Verfilmung kam 1909 in die Kinos, der deutsche Film "Das grinsende Gesicht" 1921 (Regie: Julius Herska)
  • dass er, ebenso wie Die Arbeiter des Meeres, während der Zeit von Hugos Exil (1851-1870) entstanden ist, und zwar zu großen Teilen auf Guernsey (nachdem der Autor wegen eines kritischen Worts über Königin Victoria von Jersey verjagt worden war)
  • dass die Hauptfigur, Gwynplaine, Vorbild für den Joker in den Batman-Comics ist (ab 1940)
  • dass der Roman, beginnend mit 1869 (!), schon acht Male ins Deutsche übersetzt wurde, z. B. 1925 von Carl Johann Perl (Erich Reiss Verlag, Berlin) sowie 1928, motiviert durch den Kinostart von Paul Lenis "The Man Who Laughs" (der im selben Jahr herauskam, s. o.), von L. Tronier Funder - was zweifellos ein Tarnname ist; für wen, ist ungeklärt (meine Suche mittels der Anagramm-Maschine erbrachte keine Lösung)

 

Vor allem spannend fand ich aber Schmidts Bemerkung, dass Hugo das zentrale Motiv des Romananfangs - jenes eines geteerten Gehängten - zunächst in sechs Zeichnungen ("Ecce Homo") 'formuliert' hatte, und dass er diesen visuellen Schreibansatz bereits bei seinem vorangegangenen Roman, eben Die Arbeiter des Meeres (1866), befolgt hatte, und da noch viel extremer: Es gebe zweitausend Zeichnungen, Frottagen, Klecksbilder, nach denen Hugo sein Werk ausgerichtet habe.

 

Den Plot von Der Mann mit dem Lachen zu referieren habe ich - zumal bei diesen heißen Temperaturen - keine Lust, was mir die Leser des Hotlist-Blogs verzeihen mögen.

Ich verweise aber auf die o. g. Kritik, die Näheres dazu weiß, und vielleicht findet sich auch sonst was im Internet, eventuell im Zusammenhang mit den früheren Übersetzungen (die Perlsche aus den 20er Jahren wurde übrigens Ende der 90er Jahre noch einmal bei Bastei Lübbe aufgelegt - wer hätte das gedacht!?).

Das lehrreiche Nachwort, das Rainer G. Schmidt dem Buch mitgegeben hat - die Übersetzer sind die besten Kenner der von ihnen übersetzten Werke und ihrer Autoren - erwähnt neben vielem anderen auch die Rezeptionsgeschichte des Romans im literarischen Feld, die von legendären Namen geschmückt ist: Comte de Lautréamont (alias Isidore Ducasse), Arthur Rimbaud, Robert Louis Stevenson, Henri Michaux und schließlich (im anderen Genre) Bob Kane und Bill Finger, die Schöpfer von "Batman".

 

  • Victor Hugo, Der Mann mit dem Lachen. Roman. Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Rainer G. Schmidt. 898 Seiten, 2 Leinenbände mit Schutzumschlag im Schuber. Achilla Presse Verlagsbuchhandlung, Butjadingen 2013. 48,00 Euro
Mirko Schädel, Verleger, Autor, Buchgestalter
Mirko Schädel, Verleger, Autor, Buchgestalter

Wo kriegt man's?

 

Der Hinweis am Ende der zitierten Kritik von Niklas Bender: "Für die hoffentlich zahlreichen Leser: Der Verlag hat sich aus dem Vertrieb ausgeklinkt, bestellt wird übers Internet, auf der Website der Achilla Presse[.]", stimmt so nicht - wahr ist, dass der Achilla-Verleger Mirko Schädel, um Kosten zu sparen, nicht mehr auf das Netz der Verlagsvertreter zurückgreift und seine Bücher auch nicht mehr über die Barsortimente vertreibt -; allenfalls sind es Buchhandlungen, die sich nicht an die Achilla Presse erinnern oder nicht von ihr wissen und nicht bei ihr bestellen (was ein Fehler ist, denn seit 1990 steht der Verlagsname für erstklassige Editionen vornehmlich der englischen und US-amerikanischen Literatur), oder mangels Budget Verzicht üben müssen.

Daher hier eine Richtigstellung: Schädel liefert durchaus an Buchhandlungen, und zu manierlichen Konditionen:

"In der Regel wird Ihre Bestellung noch am selben Tag bearbeitet. Sie erhalten die Ware per Post, portofrei und ohne weitere Kosten zugestellt. In der Postsendung ist eine Rechnung enthalten. Bitte zahlen Sie die Rechnung innerhalb von 10 Tagen."

Und ("Hinweise zum Bestellvorgang"):

"Nur der Buchhandel erhält 33 % Rabatt. Viel Spaß!"

 

Achilla Presse
Verlagsbuchhandlung
Mirko Schädel e. K.

Hauptstr. 80
26969 Stollhamm-Butjadingen

Telefon (04735) 918 996
mail@achilla-presse.de

 

Die Arbeiter des Meeres

 

Nach einer ersten, einbändigen, Edition (2002), ist auch Hugos Roman Die Arbeiter des Meeres wiederaufgelegt worden, wieder in der Übersetzung von Rainer G. Schmidt, und zwar in einer zweibändigen Ausgabe.

 

"Schon die menschliche Arbeit stellt eine derartige Verwandlungsenergie dar, daß der Gedanke an die göttliche Arbeit Schwindel erregt," zitiert Brigitte Kronauer Hugo in ihrer Kritik in der Süddeutsche[n] Zeitung und fährt fort:

"Victor Hugos Roman ist eine Verwandlungsmaschine für den, der sich ihm überantwortet. Er steht, in der Monstrosität seiner Formensprache so großartig, wie es andererseits die artistische Vollkommenheit ist, ohne Zweifel am äußersten Ende einer Skala, an deren anderem Extrem sich Flauberts Madame Bovary befindet. Wo alles und jedes in Windeseile ungeniert zum Buch wird, beweisen Die Arbeiter des Meeres mit Glanz, Orkan und Gloria, zu welchen archaischen Erschütterungen, ja Herrlichkeiten Literatur fähig ist."

 

Eine kurze Leseprobe:

 

"Auf Guernsey war das Christfest des Jahres 182· ein bemerkenswertes Datum. Es schneite an diesem Tag. Auf den Kanalinseln ist ein Winter mit Frost und Eis schon denkwürdig, Schnee aber ist eine Sensation.
An diesem Weihnachtsmorgen war die Küstenstraße von Saint-Pierre-Port nach Valle völlig weiß. Es hatte von Mitternacht an bis zum Morgengrauen geschneit. Da es kurz nach Sonnenaufgang [...]"

 

Hier geht es zur vollständigen Leseprobe.

 

Im Gespräch wies Schmidt auf die Satztechnik hin, die Hugo in Die Arbeiter des Meeres verwendet: Ein Wechsel von Kurz- und Langsätzen bildet die Dünung des Meeres ab, es gibt Sätze, die über die Klippe springen, Gischt- und Wirbelsätze..., zudem, neben Lang-Kurz, einen Hell-Dunkel- und einen Innen-Außen-Kontrast, so dass sich wohl sagen lässt, dass die Zerklüftung das einigende Bauprinzip des Romans ist. 

 

Ich weiß nicht, ob Der Glöckner von Notre Dame oder Die Elenden noch gelesen werden. Romanisten kennen die "Préface de Cromwell" oder sind sich schuldigst bewusst, sie kennen zu sollen.

Die Arbeiter des Meeres sind zweifellos die Entdeckung wert - und 48,00 Euro durchaus, mit einem alten Buchhandelswort, ein wohlfeiler Preis.

 

  • Victor Hugo, Die Arbeiter des Meeres. Roman. Aus dem Französischen übersetzt und herausgegeben von Rainer G. Schmidt. [ca.] 650 Seiten, 2 Leinenbände mit Schutzumschlägen im Schuber. Achilla Presse Verlagsbuchhandlung, Butjadingen. 48,00 Euro

 

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Meinolf Reul (Montag, 29 Juli 2013 11:25)

    Ah, etwas stimmte nicht, aber ich kam nicht darauf, was. Nun wurde ich darauf hingewiesen, dass der zweite Vorname Stevensons "Louis" ist, und nicht "Lewis", wie ich geschrieben hatte. Das war's also.

 

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