Prager Frühling. Literatur und Zeitgeschichte (2)

Standen im vorigen Eintrag literarische Titel zum Prager Frühling im Mittelpunkt, soll es heute um zwei – in Ansatz, Form und Fokussierung sich stark voneinander unterscheidende – Sachbücher gehen.

 

Eduard Goldstücker/Eduard Schreiber,
Von der Stunde der Hoffnung zur Stunde des Nichts. Gespräche

 

"Eduard Goldstücker, eigentlich Jizchak Jakob Schalom ben Jozef, hat als slowakischer Jude und mitteleuropäischer Intellektueller die Hoffnungen und Schrecken des 20. Jahrhunderts durchlebt. Vor den Nazis flüchtete er ins Exil, seine Familie wurde ermordet. 1945 zurückgekehrt, geriet er bald ins Visier des Antisemitismus stalinistischer Prägung. Nach langer Zuchthaushaft gab er als Germanist an der Karls-Universität entscheidende Anstöße zur Würdigung Kafkas. Alle Hoffnung setzte er auf den "Prager Frühling." Von 1969 bis nach 1989 war er erneut im Exil. Schließlich begriff er seine lebenslange Hingabe an die kommunistische Ideologie als einen Irrglauben.

 

Die über mehrere Jahre mit Eduard Schreiber geführten, bisher unveröffentlichten Gespräche brachen mit Goldstückers Tod im Oktober 2000 ab, doch lassen sie den wunderbaren Erzähler und tiefsinnigen Geschichtsphilosophen erkennen. Goldstücker erinnert sich an seine Begegnungen mit tschechischen Schriftstellern wie Vancura, Seifert, Nezval und deutschen Exilanten in Prag. Am Ende seines Lebens zieht er kritisch Bilanz, spannt den Bogen von seiner Kindheit in Podbiel und Košice bis zu den politischen Erfahrungen der neunziger Jahre."

(Text: Arco Verlag)

Das erste Kapitel des Bands, "Herkunft und jüdische Wurzeln", ist als pdf auf der Verlagswebsite und hier verfügbar.

Das Kapitel zum Prager Frühling (d. i. Kapitel 5) befindet sich im Buch auf den Seiten 135-152.

 

Eine Buchkritik brachte die Sendung "Andruck" des Deutschlandfunks (Autor: Niels Beintker).

  • Eduard Goldstücker/Eduard Schreiber, Von der Stunde der Hoffnung zur Stunde des Nichts. Gespräche. Mit einem Vorwort von Antonín J. Liehm und einem Essay von Eduard Schreiber. 216 Seiten, Paperback. Mit zahlreichen Abbildungen. Arco Verlag, Wuppertal und Wien 2009. 32,00 Euro (= Arco Wissenschaft, Bd. 7)

Eine bedeutende Rolle für den Prager Frühling und die, die ihre Hoffnung in ihn setzten (und bitter enttäuscht wurden), spielte die (Rock-)Musik. Frank Zappa z. B. hatte in der Tschechoslowakei viele Fans, trat mit seiner Band auch Anfang der 90er Jahre in Prag auf und war sogar als tschechischer Kulturattaché in den USA im Gespräch; die amerikanischen Freunde in Washington fanden das keine gute Idee und verhinderten die Berufung des freien Geists.

 

Die Tschechen hatten aber natürlich auch selber hervorragende Musiker. Im September 1968 gründete sich die Band Plastic People of the Universe (aus Solidarität verlinke ich mit dem angegriffenen Guardian), die 1976 verboten wurde. Das Verbot war mit Anlass für die Entstehung der Charta 77.

 

Hier das Stück "Toxika" [3:56 Min] aus dem 1974/75 aufgenommenen und 1978 erschienenen Album "Egon Bondy's Happy Hearts Club Banned" (der Dichter und Philosoph Bondy lieferte die Text-Vorlagen für die meisten der Songs).

Die Kunst des Überwinterns. Musik und Literatur um 1968

 

Der vom Professor für Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik Dresden Jörn Peter Hiekel herausgegebene Sammelband widmet sich dem Zusammenspiel und Widerstreit von Musik, Literatur, Politik und Gesellschaft.

 

"Ausgehend von den Ereignissen des "Prager Frühlings" und seinen Folgen werden in diesem Band verschiedene Facetten der Kunst- und insbesondere der Musikentwicklung in den Jahren um 1968 erörtert. Dabei geht es einerseits um die Möglichkeit des "Überwinterns" mit und durch Kunst, die sich ihre Autonomie bewahrt. Andererseits wird diskutiert, inwieweit die Künste in politisch prekären Situationen widerständige Potenziale zu entfalten vermochten. Gefragt wird, ob man an ihnen Momente des "Aufbruchs" diagnostizieren kann, die womöglich auf gesellschaftliche Entwicklungen zurückwirkten. Dabei stehen die ­Prozesse in der CSSR, in der DDR, in Ungarn, aber auch in Westdeutschland im Blickpunkt."

(Text: Böhlau Verlag)

 

Hier eine Leseprobe (Inhalt, Vorwort und 1. Kapitel, pdf).

 

Speziell zum Inhalt siehe auch hier (pdf), ich greife drei Kapitel heraus:

- Marek Kopelent, "Erfahrungen als Komponist in Prag seit 1968"

- Wilfried Krätzschmar, "Wie nun aber Autonomie klingen mag? – Reflexionen zu den Spuren gesellschaftlicher Verhältnisse im kompositorischen Schaffen"

- Walter Schmitz, "1968 in der DDR. Wahrnehmungsspuren in einem "ruhigen Land""

  • Jörn Peter Hiekel, Die Kunst des Überwinterns. Musik und Literatur um 1968. 142 Seiten, Paperback. 1 s/w-Abbildung. 24 x 17 cm. Böhlau Verlag, Wien 2011. 29,90 Euro (= KlangZeiten, Bd. 8)

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