Prager Frühling. Literatur und Zeitgeschichte (1)

Vor fünfundvierzig Jahren, am 21. August 1968, wurde der Prager Frühling niedergeschlagen. Aus Anlass dieses Jahrestags weist der Hotlist-Blog heute und morgen auf einige Bücher hin, die das Ereignis literarisch verarbeiten oder zeitgeschichtlich behandeln.

 

Den Anfang macht Patrik Ouředník. 1957 in der Tschechoslowakei geboren, emigrierte er im Jahre 1985 nach Paris, wo er auch derzeit lebt. Er publizierte in französischer und tschechischer Sprache: lexikalische Werke, Gedichte und Prosa.

Bei Czernin sind, in der Übersetzung von Michael Stavaric, neben dem hier vorgestellten Band auch lieferbar:

- Haus des Barfüßigen

- Europeana

 

Das Jahr vierundzwanzig

 

"Patrik Ouředník beschreibt in seinem ungewöhnlichen Buch Das Jahr vierundzwanzig die Jahre 1965 bis 1989 in der damaligen Tschechoslowakei als persönliche und unmissverständliche Erinnerung an ein Leben im realen Sozialismus. Das "Sich-Erinnern" wird dabei zum maßgeblichen Faktor des "Verstehens" einer ganzen Generation, deren Alltag von Frustration und Ohnmacht geprägt ist.

Das totalitäre System und die daraus resultierenden Fatalitäten ersticken die Hoffnung auf ein eigenständiges Leben.

 

Ouředník erinnert sich der Zeit des Prager Frühlings, der Normalisierungsära und der Sanften Revolution, an deren Ende die ersehnte Freiheit wartet.

Er knüpft mit seiner Methodik an die literarischen Experimente zweier Autoren an: Joe Brainard und Georges Perec [s. hierzu auch den Eintrag vom 23.7.2013 im Hotlist-Blog, Anm. d. Red.].

Einen wesentlichen Unterschied bildet allerdings die Tatsache, dass Ouředník "wichtigen" Erinnerungen nicht ausweicht. Ganz im Gegenteil: Historische Ereignisse geben seinem Schaffen Struktur und Rahmen.

Das "Erinnern" verdeutlicht mit fortschreitender Lektüre nur eines: In einer totalitären Gesellschaft existiert kein privater Raum.

 

Der Autor selbst unterteilt seine Erinnerungen in vierundzwanzig Lebensjahre, wobei die Einträge mit zunehmendem Alter schwinden: ganz so, als würde seine Erinnerung abnehmen. Womit auch der erklärte Feind der Erinnerung thematisiert wird: das Vergessen."

(Text: Czernin Verlag)

  • Patrik Ouředník, Das Jahr vierundzwanzig. Progymnasma 1965-89. Aus dem Tschechischen von Michael Stavaric. 88 Seiten, gebunden. 19 x 12,5 cm. Czernin Verlag, Wien 2003. 15,00 Euro

 

NB. Wer sich für den Czernin Verlag – Mitglied der 1987 von Picus-Verleger Alexander Potyka gegründeten Arbeitsgemeinschaft Österreichische Privatverlage, Pendant zu SWIPS (CH) und Kurt Wolff-Stiftung sowie Verein der Hotlist (D) – interessiert, sei auch auf das Filmporträt [4:34 Min] hingewiesen, das Günter Kaindlstorfer zum 10jährigen Verlagsjubiläum für die Sendung Kulturzeit gedreht hat (irritierenderweise nicht lippensynchron).

 

Ansonsten weiß Senta Wagner (Hotlist-Dépendance Wien, CULTurMAG) alles zu österreichischen Literaturthemen. Ihr nächster Beitrag für den Hotlist-Blog wird allerdings keinem Wiener, sondern einem steirischen Verlag gewidmet sein.

Das zweite 'Prager' Buch kommt aus der Westschweiz.

 

Štěpán. Tage der Wahrheit in Prag

 
"Anne Cuneos mitreissender und bewegender Roman erzählt die Geschichte der Paola Rouge-Malatesta, die während des Prager Frühlings 1968 an der Seite des Prager Studentenführers Štěpán Spacek Tage der leidenschaftlichen Liebe und Tage des Schmerzes nach der Ermordung des gemeinsamen Freundes František Schwarz erlebt.
Einundzwanzig Jahre später, während der Samtenen Revolution, reist Paola Rouge-Malatesta wieder nach Prag. Diesmal wird es zu einer Reise in die Vergangenheit, die das Ende der Sorglosigkeit bedeutete."
(Text: bilgerverlag)
 
Foto: Ayse Yavas
Foto: Ayse Yavas

Anne Cuneo zählt zu den bedeutendsten und erfolgreichsten Schweizer Autorinnen der Gegenwart. Geboren am Vorabend des Zweiten Weltkriegs in Paris, verbrachte sie ihre Jugend in Norditalien. 1945, nach dem Tod ihres Vaters, kam sie in verschiedene Internate und Klosterschulen, zunächst in Italien, dann in Lausanne am Genfersee. Dieser schwierigen Phase folgte ein Jahr in England, in Plymouth und London. Ihre Erinnerungen an diese Zeit finden sich wieder im Roman Station Victoria (1989; Taschenbuch bei Heyne, 2002). Nach ihrer Rückkehr nach Lausanne arbeitete sie zunächst als Telefonistin, studierte dann an der Universität von Lausanne, stieg in die Werbung ein, unterrichtete Literatur und bereist Europa.  Heute lebt und schreibt sie in Genf und in Zürich.

  • Anne Cuneo, Štěpán. Tage der Wahrheit in Prag. Roman. Aus dem Französischen (Suisse romande) von Claudia Steinitz. 296 Seiten, gebunden mit Lesebändchen. bilgerverlag, Zürich 2011. 26,00 Euro

 

Weitere Titel der Autorin im bilgerverlag:

- Zaïda

- Eine Welt der Wörter

- Schon geht der Wald in Flammen auf,

Mindestens eine Schnittmenge mit dem Thema Prager Frühling hat der folgende Roman, der allerdings einen viel weiteren zeitlichen Rahmen aufweist.

 

Die Chronik des 20. Jahrhunderts im Spiegel einer tschechischen Familiensaga: "Das schwarze Häuschen [...] ist, wie von Komárek zu erwarten, ein Text von großer Vielfalt und großem Charme, voller polyhistorischer Einblicke und gutherziger, wenn auch ironischer Weltoffenheit.“ Zdenko Pavelka, Salon

 

"Das schwarze Häuschen in der fiktiven südböhmischen Kleinstadt Kropácova Blatnice ist Zentrum einer panoptikumartigen Familiensaga von 1900 bis zum Jahr 2000 – abseits der großen Städte und abseits der großen Geschichte, die aber doch erheblichen Einfluss auf die Geschicke der Protagonisten hat und mit unterschiedlicher Intensität in deren Leben einbricht.

 

Die Habsburger-Monarchie, die beiden Weltkriege, der Prager Frühling und seine Niederschlagung, schließlich die Samtene Revolution – das gesamte 20. Jahrhundert mit seinen dramatischen politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen fegt über das Häuschen und seine Bewohner hinweg. Daneben entfaltet sich ein familiärer Mikrokosmos, dessen zentrale Themen die verborgenen Aspekte des Alltäglichen und die ineinander verwobenen Stränge menschlicher Schicksale sind."

(Text: Braumüller Literaturverlag)

 

Stanislav Komárek, geboren 1958 im südböhmischen Jindrichuv Hradec (Neuhaus), studierter Biologe, lebt nach sechs Jahren im österreichischen Exil seit 1990 wieder in Prag. Erfolgreicher Essayist (Tom Stoppard-Preis für Essayistik, 2006) und Romancier. Sein erster Roman, Kaplans Traum, erschienen 2002, wurde 2005 ins Deutsche übersetzt.

 

  • Stanislav Komárek, Das schwarze Häuschen. Roman. Aus dem Tschechischen von Mirko Kraetsch. 324 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Braumüller Literaturverlag, Wien 2010. 22,90 Euro

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