Drei Bücher zur Klassischen Musik

 

Nach dem Hinweis auf Bücher zum Jazz kommt heute schon eine weitere Soundcloud herangeweht, diesmal zur 'Klassischen Musik' des 20. und 21. Jahrhunderts - was leider eine unzulängliche Bezeichnung ist. Jazz ist schließlich auch nichts anderes als "Black Classical Music". Und wer wollte bestreiten, dass Thelonious Monk, Charles Mingus, Ornette Coleman, Carla Bley und viele andere Großes und Bleibendes auf dem Gebiet der Komposition geschaffen haben!?

 

Umgekehrt spielte das Nicht-Festgelegte immer eine bedeutende Rolle bei der Interpretation - Kadenzen, Improvisationen - und Komposition klassischer Musik. Jazz, Blues und Rock wurden und werden vielfach aufgegriffen, von Debussy über Strawinsky bis Nancarrow und Ligeti (und weiter). Mit einem Wort: Die Beschriftung der Schubladen ist schwieriger geworden. Am tragfähigsten scheint mir immer noch nie genreübergreifende Unterscheidung von guter und schlechter Musik.

 

Hier geht's nun aber um Musikbücher. Um gute.

 

Anfänge. Erinnerungen zeitgenössischer Komponistinnen und Komponisten an ihren frühen Instrumentalunterricht

Svenja Klaucke hat im Fono Forum eine schöne Kritik über dies Buch geschrieben:

 

"Im Nachhinein wundert man sich, warum zuvor niemand auf diese Buchidee gekommen ist. Der Frankfurter Musikwissenschaftlerin Marion Saxer fiel auf, dass es kaum Erfahrungsberichte zum Thema "früher Instrumentalunterricht" gibt; selbst in Künstlerbiographien sind sie rar.

Saxer bat zeitgenössische Komponisten, ihre Erinnerungen an erste Berührungen mit Musik und an den Musikunterricht aufzuschreiben. Entstanden ist mit dem Band Anfänge eine Sammlung von 45 sehr persönlichen autobiographischen Aufsätzen in je ganz eigener Tonart; ergänzt um einen Anhang mit Fragebogen-Ergebnissen, Kurzbiographien und Werkverzeichnissen.
Die so anrührenden wie selbstironisch-humorvollen Berichte reichen durch ein halbes Jahrhundert Musikerziehung: von György Ligeti und Dieter Schnebel über Barbara Heller, Gerhard Stäbler und Wolfgang Rihm bis zu Annette Schlünz und Moritz Eggert. Ein Band, der für all jene lesenswert ist, die neugierig sind auf die musikalische Kindheit und Jugend etwa von Karlheinz Stockhausen und Mauricio Kagel.

Denn die anekdotischen Aufsätze geben Auskunft über direkte Unterrichtserfahrungen hinaus. Die Beschreibung erster Noten-Schlüsselerlebnisse gewissermaßen fehlt bei keinem. Das sind vor allem herausragende Hörerlebnisse (häufig Bach!) – ob am Radio oder im Konzert. Deutlich wird auch, dass diese Hörerlebnisse bald schon in eigene Kompositionsversuche münden – mit sehr unterschiedlichen Reaktionen der musikpädagogischen wie familiären Umwelt.

Vom Thema "Motivation" und "Üben" über den Einfluss von Lehrerpersönlichkeiten bis zum Finden des individuell richtigen Instruments reichen die vielfältigen Aspekte. Mancher künftige Klangkünstler begann mit Spielzeuginstrumenten wie der "Clarina" (Volker Blumenthaler) oder als Trompeter bei der Feuerwehrkapelle (Detlev Glanert). Wolfgang Rihm fand zum Klavier, obwohl er erst nicht einsah, "warum die beiden Hände nicht dasselbe spielen sollten".

Einige entdeckten ihr Instrumentarium erst spät, wie der heute auch dank seines experimentellen Instrumentenbaus wichtige Komponist Volker Staub. Bei ihm ging es eigentlich erst richtig los, als er mit Forschergeist sein altes Übeklavier restlos auseinandernahm. "Saiten freigelegt", wie Staubs Erinnerungstext heißt, hat dieser reiche Materialband eine Menge.
Es ist ein wertvoller Beitrag, um das Thema Musikerziehung auf attraktive Weise stärker ins allgemeine Bewusstsein zu rücken. Vor allem, weil er eindrucksvoll die Bedeutung der – klassischen – Musik für die kindliche Empfindungswelt dokumentiert."

 

  • Marion Saxer (Hg.), Anfänge. Erinnerungen zeitgenössischer Komponistinnen und Komponisten an ihren frühen Instrumentalunterricht. 200 Seiten, gebunden. Wolke Verlag, Hofheim 2004. 19,00 Euro

 

[Mit Beiträgen u.a. von: Rolf Riehm, Detlev Glanert, Violeta Dinescu, Walther Prokop, Ruth Zechlin, Helmut Bieler-Wendt, Walter Zimmermann, Steffen Schleiermacher, Barbara Heller, Peter Ablinger, Carola Bauckholt, Günther Becker, Diether de la Motte, Joachim Hespos, Robert HP Platz, Klaus-Hinrich Stahmer, Johannes Fritsch, Christina Kubisch, Dieter Schnebel, Ernstalbrecht Stiebler, Charlotte Seither, Michael Bach, Gerhard Stäbler, Christiane Brückner, Volker Staub, Younghi Pagh-Paan, Josef Anton Riedl, Bernhard König, Karlheinz Stockhausen]

 

Aus dir wird nie ein Pianist

 

"Die zwölf Vorlesungen, die Artur Schnabel 1945 an der University of Chicago hielt, gelten gemeinhin als seine Autobiografie. Die Neuausgabe des in deutscher Sprache erst 1991 erschienenen Buches ist eine komplette Überarbeitung des bisher veröffentlichten Textes, mit teils erheblichen Erweiterungen. Anhand der Vorlesungsmanuskripte, die heute im Musikarchiv der Akademie der Künste, Berlin, liegen, wurde eine Textrevision vorgenommen.

Schnabels "Autobiographie" kann heute noch als ein Schlüsselwerk zur Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts gelesen werden. Schnabels blendender Intellekt, sein tiefsinniger Humor, seine scharfsichtigen Einblicke in die Musik und das Musikleben lassen seine Vorlesungen so aktuell wie einst erscheinen. Wie kaum ein anderer Musiker reflektierte Schnabel über den Stellenwert der Musik in der modernen Gesellschaft, und Entwicklungen, die erst jetzt vollständig zur Entfaltung kommen, sah er bereits damals klar vorher. (Text: Wolke Verlag)

 

  • Artur Schnabel, Aus dir wird nie ein Pianist. Autobiographie. Aus dem Englischen von Hermann J. Metzler. Hg. von Werner Grünzweig und Lynn Matheson. 318 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Wolke Verlag, Hofheim 2009 (2. vollständig überarbeitete und erweiterte Ausgabe). 34,00 Euro

 

Unter dem Titel Music, Wit and Wisdom bietet der Wolke Verlag auch die Originalausgabe der Schnabel-Autobiographie an.

 

 

Satie/Cocteau. Eine Verständigung in Mißverständnissen

 

"Erik Satie und Jean Cocteau schien kaum etwas miteinander zu verbinden, was eine künstlerische Zusammenarbeit herausgefordert hätte, als sie sich eines Abends während des Ersten Weltkrieges eher zufällig begegneten. Doch aus dieser Begegnung ging in den zwanziger Jahren mit dem skandalumwobenen Erfolg des Balletts Parade und der Gründung der "Groupe des Six" jene "französische Musik Frankreichs" hervor, die weltweit Aufmerksamkeit auf sich zog. Dichter wie Komponist hinterließen uns ein ebenso exaltiertes wie verzerrendes Bild ihrer selbst. Unter Heranziehung zahlreicher bisher unveröffentlichter Dokumente und Zeugnisse namhafter Zeitgenossen (Apollinaire, Picasso, Valentine Hugo, Jacques Maritain) rekonstruiert Ornella Volta in diesem Band den historischen Sachverhalt und zeichnet das Bild einer von ständigen Spannungen und Mißverständnissen geprägten, aber überaus fruchtbaren und folgenreichen Künstlerbeziehung."

(Text: Wolke Verlag)

 

Wer mag, kann sich auf YouTube Videos zu Satie, Cocteau (und Schnabel) ansehen. Hier z. B. Teil 1 einer Dokumentation zu Cocteau, Französisch mit englischen Untertiteln (9:36 Minuten).

 

  • Ornella Volta, Satie/Cocteau. Eine Verständigung in Mißverständnissen. Mit erstmals veröffentlichten Briefen und Texten von Erik Satie, Jean Cocteau, Valentine Hugo und Guillaume Apollinaire. Aus dem Französischen von Gerda Kneifel und Silke Hass. 192 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Englische Broschur. Wolke Verlag, Hofheim 1994. 19,00 Euro

P. S. "Ich habe darauf bestanden, dass meine Studenten in ihren Seminararbeiten das Wort Jazz vermeiden. Diese Musik beginnt in Afrika, mit Call and Response, Händeklatschen, Fußstampfen, Blues-Tonleitern, die man nicht bei Mozart oder Anton Webern findet, sondern bei kleinen Stämmen in Westafrika."

So sagte Archie Shepp in einem Interview, das DIE ZEIT aus Anlass seines 75. Geburtstages mit ihm führte.

Dieselbe Zeitung zitierte Miles Davis mit den Worten: "Ich hasse das Wort Jazz".

 

Dies als kleine Fußnote zur Rassismus-Debatte, die gerade in Deutschland geführt wird.

 

Ich meine, nicht so sehr das Wort ist wichtig, sondern der Geist, in dem es gesagt wird.

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