9. Meldung aus Wien: Wenn die Blätter fallen (III)

Die Herbstbücher des Literaturverlags Droschl

Heute letzter Teil: Behütete Väter

 

Hier geht es zu Droschl (I) und Droschl (II)

Andreas Unterweger – Das kostbarste aller Geschenke

 

Vom Zauber des Alltäglichen: Aus einem werdenden Vater wird nach der Geburt des ersten Kindes ein echter Vater („Papaisierung“) mit allen Umwälzungen und Schönheiten, die das für sein Leben bedeutet. Darüber zu schreiben, fällt freilich nicht nur Andreas Unterweger ein: Von David Wagner etwa erschien ebenfalls beim Literaturverlag Droschl der schöne Titel Spricht das Kind (2009). Unterweger hat sich bereits mit seinen Vorgängerbänden, Wie im Siebenten (2009) und dem quadratischen „Bilderbuch“Du bist mein Meer (2011), in die Herzen der Leser geschrieben und schließt jetzt seine autobiografische Trilogie ab mit dem „Notizbuch“ Das kostbarste aller Geschenke.

 

Maria ist also auf der Welt und klein, und ihr sind die ersten „10 x 5 Notizen“ gewidmet. „Dass die Notiz, denkt er, jene literarische Form ist, die sich mit seinem neuen Dasein als Familienvater noch am ehesten vereinbaren lässt.“ Kurzerhand wird die Notiz als Literaturgattung geadelt. Mit Kind bleibt wenig Zeit zum Schreiben, die Notiz kann die Wirklichkeit, die kostbare, rasch einfangen. Unterweger vermerkt also Beobachtungen, den taumelnden Gefühlshaushalt (von himmlischer Freude bis Groll), Gedanken, Zitate, hübsche Einfälle aus einer persönlichen und schmalen Lebensphase, die nicht nur Vatersein und das Kind umfasst, sondern auch Familienurlaube, Freunde, das eigene Schreiben sowie allerhand Unzulänglichkeiten. Was wie eine Umfangsberechnung aussieht, ist die Formel (z. B. „Berliner Vitrinen, 3 x 3 x 3 Notizen“), die die Menge der Notate pro Kapitel wiedergibt, wobei die jeweilige Länge pro Notiz variabel ist. Das ist ebenso spielerisch unterhaltend wie gewissenhaft ordnungssinnig gemacht von Unterweger, an vielen Stellen schlichtweg hinreißend. Ordnung ist eben das halbe Leben, gerade dort, wo es voller Veränderungen ist.

 

Das Merkmal einer Notiz ist ihre nicht geschwätzige Kürze, sie ist Aide-mémoire und findet sich in der Phrase „von etwas Notiz nehmen“. Eventuell geht sie einer literarischen Textfassung voraus und steht dort für zu Verwerfendes, Unfertiges oder Bedenkenswertes.

Unterweger dreht die Sache rum und erprobt das Entstehen von Erzählung aus der Aneinanderreihung funkelnder Notate. Gleichzeitig fragt er, wie identisch sind wir mit uns selbst, wie glaubwürdig. Wie es von einem autobiografischen Text zu erwarten wäre, spricht hier nämlich kein konsistentes Unterweger-Ich, sondern ein selbstkritischer „Er“: Dieser verzwirbelt sich mitunter erschöpfend in Ganz- und Halbsätzen, einzelnen Wörtern, setzt eckige Klammern in runde, Doppelpunkte und Anführungszeichen, kursiviert und – lesen Sie selbst.

 

Textauszug:

 

Nur zwei Dinge

 

Dass er (»mit allem, was ich habe«, denkt er) für nur zwei Din-

ge kämpft:

 

Erstens: Zeit mit Frau und Kind.

Zweitens: Zeit zum Schreiben.

 

(Da ein Gewinn an Ersterem einen Verlust des Zweiten bedeu-

tet [und umgekehrt], kämpft er – er weiß das – letztlich gegen

sich selbst.

[Und das: [»umso wütender«, denkt er.)

 

*

 

Und:

 

Dass die Vertrautheit, die sich fünf Tagen ununterbrochenen

Zusammenseins mit seiner Tochter verdankt, nach nur einem

halben Tag Abwesenheit wieder (»und wieder für immer«,

denkt er) verloren ist.

 

(Und für das Schreiben, denkt er, gilt das Gleiche.)

 

*

 

Dass er all die Tugenden, die er in dieser Hinsicht (»in Be-

ziehungsdingen«, denkt er) erworben zu haben glaubt, nein:

hofft – Gelassenheit, Vertrauen usw. –, jetzt, als Vater, ganz

von Neuem erlernen muss.

 

(»Sonst verlässt sie mich wieder!«) (aus: Unterweger, Das kostbarste aller Geschenke)

 

  • Andreas Unterweger: Das kostbarste aller Geschenke. Notizen. Graz: Literaturverlag Droschl 2013. 184 Seiten. 19 Euro.

Elfriede Gerstl – Behüte behütet (Band 2)

 

Der zweite Band der vierbändigen Werkausgabe Elfriede Gerstls (1932–2009) umfasst die Buchpublikationen der Jahre 1982–1993, Wiener Mischung (1982) mit der erweiterten Zweitauflage neue wiener mischung (2001), die »auf reisen entstandenen gedichte« Vor der Ankunft (1988) sowie die Sammlung Unter einem Hut (1993).

In diesen Gedichten, Prosatexten und Essays seziert Elfriede Gerstl althergebrachte Konventionen und zielt mit poetischer Sprachvirtuosität behutsam auf die gesellschaftlichen Untiefen der Zeit: In-groups und ihre Ausgrenzungsmechanismen, Chauvinismen und Solipsismen, Modeerscheinungen sowie die „unzynische Unmoral“ des Literatur- und Kunstbetriebs. Während sie verkannten AutorInnen den gebührenden Platz einräumt, richtet sie ihre subversive Ironie gegen die „Übertreibungskünstler“, die Mächtigen und die Paranoia der Abendlandbeschützer. Sich selbst verortet Elfriede Gerstl gerne am Rand – etwa der Wiener Gruppe, die sie als Männerbund erfährt, der Frauen nur duldet, wenn sie schweigen. Ihre kritische Position bringt Franz Schuh treffend auf den Punkt: „Diese Klagen sind nicht kläglich, denn sie beruhen ebenso auf Erfahrung wie auf Analyse, und sie haben Stil.“ (Text: Literaturverlag Droschl)

 

Textauszug:

in meinem zusammengeschusterten sprachhäusl
steht und liegt mein vokabular
wie kraut und rüben
Elfriede Gerstl, »in der sprache wohnen« (aus: Gerstl, wiener mischung, 1982)


Heimat ist wie Weihnachten: ein unentwirrbarer Knäuel aus Erinnerungen und Gefühlen. (aus: Gerstl, Unter einem Hut, 1993)

 

  • Elfriede Gerstl: Behüte behütet. Werke Band 2. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Christa Gürtler und Helga Mitterbauer in Zusammenarbeit mit dem Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek. Graz: Literaturverlag Droschl 2013. 430 Seiten mit Fotos und Faksimiles.

 

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