Artur Becker, Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang

"Ausgerechnet an Allerseelen stirbt Karol, ehemaliger Fabrikdirektor und unbelehrbarer Kommunist, bei einem Deutschlandbesuch – und Mariola und ihr Cousin Arek verbringen eine Nacht  im Zimmer des Aufgebahrten.

Vor einem Vierteljahrhundert hatten sie eine verbotene Liebe miteinander, und in den Stunden mit Karol kommen nun alte Erinnerungen hoch: an längst verstorbene oder vergessene Freunde, an gefährliche Abenteuer wie an philosophische Diskurse; an lange Tage am See und Fahrten auf den Wassern Masurens – auf dem Hintergrund der politischen Transformation Polens zwischen 1980 und 1994.

Der aufmüpfigen Mariola und dem introvertierten Arek gelingt eine berauschende Totenfeier: Gemeinsam gehen sie bis ans Ende der Nacht und wieder zurück, durch Raum und Zeit: vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang."

(Text: weissbooks.w)

 

Zu Lesung und Gespräch mit Artur Becker lud am Mittwoch das Literaturhaus Lettrétage in seine neuen Veranstaltungsräume (Mehringdamm 61). Nach einer kurzen Begrüßung durch Tom Bresemann (Bresemann, der Hausherr, ein freundlicher Highbrow, der, ehe er sich ins Publikum setzte, die Beine übereinanderklappend, und in konzentriertes Zuhören versinkend, in einem kurzen Hinüberbeugen über die Soundanlage die Musik ausdrehte, die die Besucher beim Eintritt empfangen hatte; erst zum Gespräch mit dem Autor trat er wieder nach vorn), las Becker drei dichte Kapitel aus seinem ganz frisch erschienenen Roman Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang.

 

"Einen Untergang wollte ich in meinem Roman nicht haben", erklärte Becker – zum bereits dritten Mal in der Lettrétage zu Gast – den Umstand, dass er für das titelgebende Zitat aus den Psalmen (aus dem 50. Psalm, genau gesagt) die Luthersche Bibelübersetzung gewählt hat und rückte sich die Brille, die er sich für die Dauer der Präliminarien ins Haar geschoben hatte, auf die breite Nase; er hatte sie sich übrigens, sagte er, von einer Berliner Freundin ausgeliehen. – Es war schön, dass Becker schon erzählte, bevor er mit der eigentlichen Lesung anfing. Die Lettrétage bietet hierfür auch den richtigen Rahmen. Niemand muss hier über eine Schwelle steigen, um in den Genuss von Kunst zu kommen, und auch der Vortragende kann sich ganz natürlich geben und die Sache gelassen angehen.

Ich habe vergessen, welche Anspielungen sich über den Psalmentext hinaus alle mit dem Romantitel verbinden, erinnere mich nur, dass Becker Czesław Miłosz mit seinem Buch Wo die Sonne aufgeht und wo sie versinkt erwähnte (Gdzie słońce wschodzi i kędy zapada) (1974).

Er sagte auch: "Ich möchte kein Sklave der Gegenwart sein", und tatsächlich scheint er literarisch einem Totalitätskonzept zu folgen und seine Aufgabe darin zu sehen, Romane zu schreiben, die nicht, bewusst oder unbewusst, schnittig und dialogreich auf filmische Verwertung hin verfasst sind, sondern Romane, die nichts weniger als die Welt, eine Welt (und das ist schon genug), ins Buch bannen, Romane, die sich Zeit nehmen für Beschreibung und Figurenzeichnung.

Damit mag er einer (literarhistorisch) alten Formidee anhängen – dass sie nicht nur nicht dépassé, sondern immer noch lebensvoll und zeitgemäß ist, davon konnten sich die Zuhörer am Mittwoch mit eigenen Ohren überzeugen.

Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang ist Beckers siebenter Roman. Er hat seinen Stoff noch lange nicht auserzählt.

 

  • Artur Becker, Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang. Roman. 440 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. weissbooks.w, Frankfurt am Main 2013. 24,80 Euro

Nachfolgend der Hinweis auf zwei frühere Romane Artur Beckers, ebenfalls bei weissbooks.w erschienen.

 

Der Lippenstift meiner Mutter

 

"Der Lippenstift meiner Mutter katapultiert uns mitten hinein in das Herz von Masuren, in die kleine Stadt Dolina Róz und zu ihren Bewohnern: die rosenkranzbetenden Großmütterchen und die verruchte Dorfschönheit, der ehemalige Wehrmachtssoldat und die prügelnden Väter, eine stalinistische Dichterin, der warmherzige Schuster Lupicki und natürlich die rebellierende Jugend, die verbotene Platten hört und Pläne für eine Revolution ausbrütet.

 

Das beschauliche Dolina Róz steht aber schlagartig Kopf, als unvermittelt Barteks Großvater, ein melancholischer und geheimnisumwitterter Eisenbahner, von allen bloß "Franzose" genannt, aus dem Ausland zurückkehrt. In dem sich rasch
entspinnenden Chaos muss der junge Bartek seinen Platz finden. Keine leichte Aufgabe, schließlich hat Bartek vor allem Augen für seine unsichtbare Geliebte Meryl Streep sowie den Lippenstift seiner Mutter.

Mit Bartek hat Artur Becker eine wunderbare Romanfigur erschaffen: Ein polnischer Holden Caulfield, ein – wie sein amerikanisches Pendant – nicht besonders guter Schüler, ein Eigenbrötler, Träumer und Rebell, ein junger Kerl in der bizarren Welt der 'Großen', einer der abhauen will, um dem Spießertum zu entkommen und um endlich sein Mädchen zu finden."

(Text: weissbooks.w)

 

  • Artur Becker, Der Lippenstift meiner Mutter. Roman. 314 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. weissbooks.w, Frankfurt am Main 2010. 19,80 Euro (auch als E-Book lieferbar; eine Taschenbuchausgabe erschien bei btb)

Vor dem nächsten (diesen Eintrag abschließenden) Romanhinweis sei unbedingt erwähnt, dass Artur Becker auch Gedichte schreibt. Leider habe ich keine Website des Stint Verlags Bremen gefunden, wo diese erscheinen, daher hier nur die dürren bibliographischen Daten:

 

  • Der Gesang aus dem Zauberbottich. Gedichte. Illustriert von Andrej Glusgold. 192 Seiten, gebunden. Stint Verlag, Bremen 1998. 17,00 Euro
  • Jesus und Marx von der ESSO-Tankstelle. Gedichte. 32 Seiten, Paperback. Stint Verlag, Bremen 1998. 5,00 Euro (= STINT Literaturhefte)
  • Dame mit dem Hermelin. Gedichte. 120 Seiten, gebunden. Stint Verlag, Bremen 2000. 12,80 Euro
  • Ein Kiosk mit elf Millionen Nächten. Gedichte. 256 Seiten, Englische Broschur. Stint Verlag, Bremen 2009. 18,90 Euro (auch als Hörbuch lieferbar)

 

Wodka und Messer

 

"Kuba Dernicki ist ein glücklicher Mensch. Er hat Arbeit und Familie und lebt seit vielen Jahren im Paradies, in Deutschland. Doch eines Tages treibt ihn eine starke Sehnsucht zurück nach Polen, in die alte Heimat, an die Stätten seiner Kindheit, an den Dadajsee. In eine wunderschöne Landschaft, bevölkert von überaus eigenwilligen Menschen, die mit List, Humor und Wodka überleben. Und die sich Geschichten erzählen, in denen die Toten, auch wenn sie nicht katholisch sind, wiederauferstehen. Wie Marta, Kubas junge Geliebte, die vor vielen Jahren auf der Flucht vor kommunistischen Häschern im eiskalten Dadajsee ertrunken ist – und die in der Hoteldirektorin Justyna Star (einer Doppelgängerin?) weiter lebt, schön und begehrlich, wie damals. Kein Wunder, daß Kuba sich in Justyna verliebt und daß von nun an ein ganzes Dorf verrückt spielt, der Bürgermeister Król wie der alte Pfarrer Kazimierz, die einäugige Tante Ala wie Wojtek, ihr Galan. Und in deren Mitte taumelt Kuba, den ein sprechendes Messer begleitet, von Augenblick zu Augenblick, hinein ins Herz der Erinnerung.


Wodka und Messer ist ein Heimatroman, ein Liebesroman, ein kunterbuntes Buch, über dem der polnische Himmel leuchtet, "sternhagelvoll wie die Männer von Bartoszyce, wie die Fische im Dadajsee.""

(Text: weissbooks.w)

 

  • Artur Becker, Wodka und Messer. Lied vom Ertrinken. Roman. 472 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. weissbooks.w, Frankfurt am Main 2008. 18,00 Euro (auch als btb-Taschenbuch lieferbar)

"Artur Becker ist ein herrlicher Erzähler: In seinen Geschichten kommt jeder zur Wort, und der Leser entscheidet, wer ein Schuft ist und wer ein Heiliger." Feridun Zaimoglu

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