7. Meldung aus Wien: Wenn die Blätter fallen (II)

 

Die Herbstbücher des Literaturverlags Droschl (II)

Heute: Wahnsinn

Gwenaëlle Aubry – Niemand

 

„Einen Vater verliert man nicht, und noch weniger einen Vater, der sich selber verloren hat oder verloren ist.“ So einer ist dann ein Niemand. Oder ein Jemand mit vielen Gesichtern. Einer, der mehrere war, aber niemand sein wollte. Lange Zeit wurde das Unglück des Vaters nicht benannt, sein Verrücktsein, sein Balancieren an den Rändern – er war schlicht das schwarze Schaf der Familie. Einst Rechtsprofessor an der Sorbonne litt er bis zu seinem Tod vor einigen Jahren an einer manisch-depressiven Psychose. Häufig befand er sich in Psychiatrien. Das Manuskript „Das melancholische schwarze Schaf“ ist sein Vermächtnis, das er mit dem Hinweis hinterließ, einen „Roman daraus machen“.

 

Das hat Gwenaëlle Aubry auf ihre Weise in der einnehmend schönen Schrift Niemand getan, die jetzt in deutscher Erstübersetzung durch Dieter Hornig vorliegt. 2009 gewann sie mit dem französischen Original Personne den renommierten Prix femina. Die Schriftstellerin und Philosophin fängt das Leben ihres verlorenen Vater in schillernden Momentaufnahmen ein, changierend zwischen lichten und dunklen Seiten des Leids. Aubry und ihre Schwester hatten einen Vater, der auf seiner „inneren Bretterbühne“ seine „Mysterienspiele“ aufführte, und dennoch, wie jeder Vater, kein Held für sie war. Der wuchernden Unordnung seiner Existenz setzt sie ein strenges Erzählmosaik aus 26 Stichworten in alphabetischer Reihenfolge entgegen, eine Art Abcdarium. B steht etwa für Bond (James), Hoffman (Dustin)“, Obscur (übersetzt in Dunkel), Pirat und W oder die Kindheitserinnerung (Perec). Der Vater lebte in seinen Rollen, war Bond, Clown oder Clochard, ein Poseur „bis zur Erschöpfung“. Das Alphabet steht für Ordnung und verhilft uns zur Sprache. Mehrfach wird der Begriff in dem schmalen Buch reflektiert, generell ist seine künstlerische Bearbeitung nicht neu.

 

Gleichzeitig nimmt Aubry ihr eigenes Leben luzide in den Blick. Das des Vaters stand unter der „schwarzen Sonne seiner Melancholie“, in deren Schatten jenes von Aubry „florierte“. Kunstvoll und mit einem hohen Maß an Feinfühligkeit umfängt sie beider Leben, bringt sie in ihrer Kompliziertheit zur Deckung. Sie spricht von einer „stillen Ansteckung, die sie an ihn band“. Dazwischen, passend in der Chronologie, platziert sie Auszüge aus dem oben erwähnten Manuskript des Vaters.

So entfaltet sich Niemand als ein Resonanzraum zweier Stimmen, die die dringliche Frage nach dem Leben, dem Abschied daraus und der seelischen Bodenlosigkeit stellen. Aubrys fließend-elegante und präzise Sprache ist auf einem hohen Niveau gearbeitet, sie hat Klasse und eine poetische Reife. Es wird hier niemand bloßgestellt, nicht gewertet, vielmehr wird ein Vater-Tochter-Kapitel geöffnet und würdevoll geschlossen.

 

Textauszug:


„Meine Schwester und ich sind auf beiden Seiten des Flusses aufgewachsen, zwischen dem Schatten und dem Licht, auf beiden Seiten der Welt, ihrer spiegelnden Oberfläche und ihren großen Tiefen, den vom Leben Verwöhnten und den vom Leben schwer Mitgenommenen, hin und her gerissen zwischen zwei Ufern, die sich allmählich voneinander entfernten, am Anfang war der Abstand nicht so groß, wir wechselten unschwer von einem zum andern über, im Sommer verließen wir Ende Juli immer die großen Häuser in der Provence, die pralle Sonne, die Feste und die Festivals und fuhren zu ihm in die Bretagne, wir wussten nicht, dass er damals den Juli in einem Sanatorium verbracht hatte, um wieder zu Kräften zu kommen für die Tage, die wir gemeinsam verbringen würden, bei unserer Ankunft hatte er große Pläne, wir würden segeln gehen Pfannkuchen machen Tennis spielen Rad fahren, aber es war zu hart für ihn, jeden Tag den Schein zu wahren, also verschwand er allmählich, schon am Morgen stieg er drei Stufen vom Salon hinunter in ein schlecht beleuchtetes Büro, das durch die Stoffbehänge, die zu vielen Möbel und die verstaubten Bücher noch düsterer wurde, er müsse arbeiten, sagte er, Vorlesungen vorbereiten, wir gingen mit meiner Großmutter zum Strand, während er seine Hefte vollschrieb und rauchte, wenn wir zurück waren, erzählten wir ihm von unserem Tag, vom Schwimmen im kalten Wasser, von unseren Sandburgen, wir wussten nichts von seinem Tag, auch wir wahrten den Schein –“ (aus: Aubry, Niemand)

  • ·         Gwenaëlle Aubry: Niemand (Personne, 2009). Aus dem Französischen von Dieter Hornig. Graz: Literaturverlag Droschl 2013. 152 Seiten. 18 Euro.

Christoph Dolgan – Ballastexistenz

 

Ein literarisches Debüt über den doppelten Schmerz von Sprache und Herkunft

Der Weg führt von einer Arbeiter-, später Arbeitslosensiedlung über den Alkoholismus in die Anstalt. Der Erzähler begleitet seine Mutter, die nach der Arbeit beim Discounter ihre Abende und bald auch die Nächte im Tankstellencafé zubringt. Nach sonntäglichem Schnitzelfett riechende Treppenhäuser und Therapiezimmer, vergitterte Anstaltsfenster und die düsteren Räume der Selbstvernichtung und -verletzung sind die Orte, an die der Text uns mitnimmt, immer im Versuch – nach einer Empfehlung Ulrike Meinhofs – Trauer in Wut zu verwandeln; und am Ende dann ein Tod in einer Tiefkühltruhe und ein – solange der letzte Punkt nicht gesetzt ist – überlebender Erzähler.

Ein Koordinatennetz aus Angst und Tod liegt unter dieser Erzählung, die eigentlich ein ganzes Bündel aus ihr hervorsprießender Sub-Geschichten ist. Angst und Schrecken, die von der elenden Existenz, aber auch von der Sprache ausgehen, die sich als Beschreibungswerkzeug zur Verfügung stellt. Christoph Dolgan entwirft eine Selbstauslöschungs- und Untergangsfantasie mit Sätzen, die unter die Haut gehen. (Text: Literaturverlag Droschl)

 

Textauszug:

 

„Die Wahnsinnigen sprechen mit gehäuteter Zunge und in einer Frequenz, die nur ich hören kann. Wollte man sie, wollte man uns auf einen gemeinsamen Nenner bringen, wollte man uns gleichschalten, fiele einem nur unser Sprechen ein, das immer unangemessen ist. Ob zu laut oder zu leise, es geht immer am Ziel vorbei. (Wir schreien und flüstern, dazwischen ist nichts. Unser Sprechen ist aus der Übung und hört sich nicht.) Die Verrückten haben keine adäquate Lautstärke, der Wahnsinn hat keinen Ton. – Gemeinsam machen wir uns auf den Weg, geräuschlos und zuversichtlich. Wir kappen die Taue und verbrennen unsere abseits gelegenen, unsere abseitigen Hütten. Zu verlieren haben wir nichts mehr. Alles liegt vor uns, und wenn wir uns auf den Kopf stellen, liegt alles hinter uns. (Sogar die Angst.)

Ich, sagt Ernst Herbeck und setzt es unter Anführungszeichen, heißt das stumme Wort.

Die Frequenz der Verrückten ist der heisere Schrei der Nebelvögel, ein Grau, das aus der durchnebelten Langfeldsiedlungsleere kommt und über die brachliegenden Felder weiterzieht. Gehetztes Geplauder, das Nachholen derer, die nicht mehr zur Ruhe kommen in sich, das Sprachfieber der Gefährdeten.“ (aus: Dolgan, Ballastexistenz)

 

  • ·         Christoph Dolgan: Ballastexistenz. Graz: Literaturverlag Droschl 2013. 152 Seiten. 19 Euro.

 

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