6. Meldung aus Wien: Wenn die Blätter fallen. Droschl im Herbst (1)

Droschl, da war doch was, jenseits des Laubraschelns. Weil es bald wieder soweit ist, der Literaturverlag aus Graz gewann 2012 den Hauptpreis der vierten Ausgabe der Hotlist für das beste unabhängige Verlagsschaffen.

 

Beworben hatte er sich mit Dunkelheit am Ende des Tunnels des hierzulande unbekannten norwegischen Dichters Tor Ulven. Dort gilt er als Kultautor. Selten hat man sich in einem derart düsteren und zwanghaften Prosakosmos verloren. Das Buch war 1994 Ulvens letzte Veröffentlichung vor seinem Freitod und das allererste in Deutsch überhaupt, in der beachtlichen Übersetzung durch Bernhard Strobel. Das ist Bücher machen mit Risikofreude und Leidenschaft.

 

Jetzt heißt es beim Literaturverlag Droschl feiern und fiebern: Die Dichterin Ilse Helbich, eine Spätberufene im Erzählfach, wird im Oktober 2013 neunzig Jahre alt und veröffentlicht dort mit Vineta im Eiltempo bereits ihren vierten Prosaband – Geschichten aus einer „versunkenen Welt“, geschrieben im hohen Alter.

 

Ilse Helbich – Vineta

 

Die 1923 in Wien geborene Ilse Helbich erinnert sich an Gegenstände, Berufe und gesellschaftliche Verkehrsformen, die längst untergegangen sind. Spucknäpfe in Wartezimmern, Beethoven-Büsten in Gips, der wöchentlich ins Haus liefernde Eismann, aber auch verhasste Sonntagsspaziergänge im Kreis der ganzen Familie und heimliche Ausflüge in die unheimlichen Terrains von Barackensiedlungen nehmen in diesem Panorama Gestalt an. Ohne Nostalgie, ohne Verharmlosung formen diese Erinnerungen allmählich ein umfassendes Bild einer Wiener großbürgerlichen Kindheit und öffnen sich, mit den 30er-Jahren, allmählich den politischen Schrecken des Nationalsozialismus. Ein großer Gewinn für jeden Leser – und ein ungetrübtes Leseglück! (Text: Literaturverlag Droschl)

 

Textauszug:

 

„Die Baracken liegen ganz nah; ihr ist verboten, dieses Areal zu betreten. Sie tut’s trotzdem immer wieder, mit Herzklopfen, denn alle wissen, dass dort Diebe wohnen und überhaupt Gesindel.
Sie muss nur die Grinzinger Allee wenige Schritte hinaufgehen und dann links abbiegen: und schon ist sie da.
Auf den ersten Blick würde keiner vermuten, dass hier Leute wohnen: zwischen schütteren Bäumen wächst das Unkraut an manchen Stellen hüfthoch, dann sind wieder kahle Flecken da und Betonblöcke liegen herum.
Hie und da Trampelpfade durch das stachelige Grün, gerade breit genug, dass einer hinter dem anderen gehen kann. Ein Gerät, das auf Rädern fortbewegt wird, könnte man hier nicht gebrauchen – nicht einmal einen Handwagen oder eine Schubkarre.
Wenn sie einem solchen Pfad folgt, kann es sein, dass er vor einem Brennnesseldickicht aufhört, aber er kann sie auch zu einer der ins Gelände geduckten grauen Baracken führen, von denen sie gehört hat, dass sie im letzten Krieg für die gefangenen Soldaten errichtet wurden.
Wenn sie vor einer Baracke lauscht, liegt das niedrige Gehäuse ganz still da, kein Mensch ist zu sehen und zu hören. Sie geht ein paar Mal auf dem nach dem gestrigen Regen im Dreck versinkenden Lehmboden vor dem verwahrlosten Bauwerk hin und her, sie schlendert scheinbar achtlos und sieht sich nicht um, aus den Augenwinkeln späht sie jedoch nach jeder noch so winzigen Bewegung.
Nichts. Also geht sie langsam weiter, einen anderen Pfad entlang, es ist sehr sehr still hier, sie hat die ganze Zeit das Gefühl, da sei etwas, da sei einer hinter ihr. Sie wagt es nicht, sich umzuschauen. Und wenn sie Glück hat, landet sie vor der anderen Baracke, wo der ungarische Offizier wohnt – dass er aus dem Krieg übriggeblieben und schwer krank sei, hat ihr die Mizzi verraten.
Und wirklich, da lehnt er ja an seiner Hauswand und ist blass und hat kohlschwarze Locken und ist sehr mager in seiner schlotternden alten Uniformhose, und wie immer hat er eine Zigarette zwischen den Fingern und zieht jetzt daran, ein wenig bläulicher Rauch steigt auf. Der schöne Offizier schaut an ihr vorbei – sie ist für ihn nicht vorhanden.“ (aus: Helbig, Vineta)

  • Ilse Helbich: Vineta. Graz: Literaturverlag Droschl 2013. 240 Seiten. 19 Euro.
  • Veranstaltungshinweis: Ein Abend für Ilse Helbich zum 90. Geburtstag am 13. September 2013 um 19 Uhr in Wien, Schauspielhaus 

Die Herbstbücher 2013 des Literaturverlags Droschl 

 

Gefiebert wird mit

 

Thomas Stangl, der mit Regeln des Tanzes, seinem dritten Wien-Roman, auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis gelandet ist. Viel Presselob flankiert die jüngste Veröffentlichung. Stangl ist ein waschechter und treuer preisgekrönter Droschl-Autor. Neben mehreren Romanen publizierte er 2012 einen Essayband. Das Bekenntnis des Verlags zu einer Sprachkunst der Gegenwart, die sich an „Wortfixierte“ richtet, findet in dem vielschichtigen Werk von Thomas Stangl einen vortrefflichen Ausdruck.

 

Thomas Stangl – Regeln des Tanzes

 

»Es ist mitten im Winter, ein grauer Tag in einer Reihe von grauen Tagen, ein guter Zeitpunkt.«

Eine junge Frau erlebt, empört und euphorisch gleichzeitig, im Februar 2000 in Wien die Demonstrationen gegen die neue rechtsextrem geprägte österreichische Regierung; ihre Schwester verlässt das Haus, um ziellos durch die Stadt zu streifen und nie mehr zurückzukehren. Und 15 Jahre danach flaniert ein viel älterer Mann ebenfalls durch die Stadt und gerät auf die Spuren der jungen Frauen von damals.

Die drei Personen dieses Romans durchstreifen Wien zu unterschiedlichen Zeiten, mit unterschiedlichen Motiven, und versuchen auf unterschiedliche Weisen, in der Wirklichkeit anzukommen – durch politisches Engagement, durch Kunst oder durch die Aufkündigung aller existierenden Zwänge.

Stangls vierter Roman ist eine hypnotische Meditation über unsere Gegenwart und die Rolle, die der Kunst darin und in unserem Leben zukommt, ein Roman voller magischer Momente. (Text: Literaturverlag Droschl)

 

Textauszug:

 

„Er las die Firmenschilder an den Hochhäusern und an den Haustoren der sanierten Altbauten in der Nordbahnstraße und in der Praterstraße: PR-Wizard GmbH, Dream Advertising and Advertising Dreams. Solaris Mediamanagement und Public Power Lobbying, Spartacus Work­out Space, Spartacus Home-are, Spartacus Leih- und Zeitarbeitsvermittlung GmbH., xxx-Animations: Dream Power 4U (Jesusmaria, lasst euch doch alle zuscheißen), bog in die Mayergasse, hier gab es immer noch das Café Dogenhof auf der einen Seite, auf der anderen die Bankfiliale, das billige Hotel und gegenüber das Puff, das inzwischen wahrscheinlich siebenmal seinen Namen gewechselt hatte. Als er in diese Stadt gezogen war, als die Stadt ihm noch etwas bedeutete, als Student, dem das Studieren oder scheinbare Studieren als ein endloser oder nur durch die Revolution zu beendender Seinszustand erschien, hatte er ein paar Straßen weiter in einer kleinen Hofwohnung (Klo am Gang) in einem sogenannten Durchhaus gewohnt und war oft hier herumgestreift, auf beiden Seiten der Praterstraße und bis hinauf zum Gelände des großen Güterbahnhofs, wie durch eine Wildnis, jedenfalls anfangs, bevor er die Häuser alle wiedererkannte und dazu sogar noch ein paar Leute, die in ihnen anzutreffen waren. Erinnere dich an die Erwartung: naturgemäß wurde sie niemals erfüllt, wann wäre denn die Wirklichkeit von derselben Substanz wie die Erwartung. Aber gibt es nicht etwas dazwischen, darunter, einen Bereich, in den Erwartung wie Wirklichkeit sich verschieben lassen, wozu würdest du sonst leben oder gelebt haben, wozu läufst du sonst herum.“ (aus: Stangl, Regeln des Tanzes)

 

  • Thomas Stangl: Regeln des Tanzes. Roman. Graz: Literaturverlag Droschl 2013. 280 Seiten. 22 Euro.

 



 

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