Giorgio Bassani, Dichter der Erinnerung

Bassani (1916-2000) mochte, nach dem Zeugnis der Gefährtin seiner letzten 23 Lebensjahre, Portia Prebys, die Wörter "prosa" und "narratore" (Erzähler) nicht, sondern bevorzugte die Bezeichnung "poeta". 

 

Die Gärten der Finzi-Contini

 

"Wohlverstanden, schrieb ich weiter, ihre Übersetzung sei auch in ihrer jetzigen Form sehr gut, da beim Übersetzen immer eine schöne Ungenauigkeit einer pedantischen Plumpheit vorzuziehen ist."

Giorgio Bassani, Die Gärten der Finzi-Contini, 3. Teil, 4. Kapitel

 

Dies schreibt Giorgio, der Ich-Erzähler des 1970 von Vittorio De Sica sehr schön (wenn auch nicht zur Zufriedenheit des Autors, hier der Trailer zur Originalfassung) verfilmten Romans, an dem Bassani vier Jahre lang, von 1958 bis 1961, gearbeitet hatte, an seine platonische Freundin Micòl. Diese hatte ein Gedicht Emily Dickinsons übersetzt, I Died For Beauty, das in ihrer Fassung, wie sie nun freilich ihrerseits von Herbert Schlüter ins Deutsche übertragen wurde, lautet:

 

Ich starb für die Schönheit

und war kürzlich erst ins Grab gelegt,

als einer, der für die Wahrheit starb,

in das Grab neben dem meinen gelegt wurde.

 

Leise fragte er mich: "Warum bist du gestorben?"

"Für die Schönheit", erwiderte ich.

"Und ich für die Wahrheit

– beide sind ein und dasselbe –

wir sind Geschwister", sagte er.

 

Und so, als Kinder der gleichen Familie,

die sich eines Nachts begegneten,

unterhielten wir uns von Grab zu Grab,

bis das Gras uns den Mund

und den Namen bedeckte.

 

Giorgio moniert in seinem Brief an Micòl, dass diese "moss" mit "Gras" wiedergegeben hat anstatt mit "Moos" und schlägt als Übersetzung der letzten Strophe vor:

 

Und so, als Kinder der gleichen Familie,

die sich eines Nachts begegneten,

unterhielten wir uns von Grab zu Grab,

bis unsere Münder und Namen

das Moos bedeckte.

In der Welt des Bürgertums, die Bassani beschreibt – der Journalist Carl Wilhem Macke, der einen lesenswerten Artikel Giorgio Bassani und seine Rezeption in Deutschland geschrieben hat, vermutet hierin einen Grund für die Resonanz, die Bassani bei der deutschen Leserschaft fand: "Das bürgerliche, auch großbürgerliche Ambiente, in dem Il Romanzo di Ferrara angesiedelt ist, war den ebenfalls überwiegend bürgerlichen deutschen Lesern näher als etwa die proletarische Parteilichkeit der linken Schriftsteller aus der kommunistischen Tradition[.]" – werden englische Bücher selbstverständlich auf Englisch gelesen, und französische auf Französisch.

Dickinsons Gedicht steht in der Mitte des Romans; es schlägt den Bogen zurück zu dessen Anfang, der eine Autofahrt des Erzählers mit Freunden im April des Jahres 1957 zu einem etruskischen Gräberfeld beschreibt.

 

"Papa", fragte Giannina, "warum sind alte Gräber nicht so traurig wie neue?"

[...]

"Weißt du", antwortete er, "die vor kurzem Verstorbenen sind uns noch näher, und darum haben wir sie lieber. Aber die Etrusker sind doch schon so lange tot [...], daß es ist, als ob sie nie gelebt hätten, als wären sie schon immer tot gewesen."

[...]

"Aber, so wie du das sagst, glaube ich jetzt, daß die Etrusker doch gelebt haben, und ich habe sie so lieb wie alle anderen."

 

Der Ausflug zur archäologischen Stätte lässt vor dem inneren Auge des Erzählers das Bild der "weiten Rasenflächen" des Jüdischen Friedhofs von Ferrara erstehen, mit der Familiengruft der Finzi-Contini, in der, außer dem ältesten Sohn Alberto, keiner der Familienangehörigen beigesetzt wurde.

"Während keiner weiß, ob Micòl, die Zweitgeborene, ihr Vater, Professor Ermanno, ihre Mutter Olga und deren gelähmte uralte Mutter, Signora Olga, die alle im Herbst 1943 nach Deutschland deportiert wurden, überhaupt ein Grab gefunden haben."

Vor der nur angedeuteten Folie dieses Endes entwickelt Bassani die Handlung des Romans, im Ohr Micòls Bekenntnis, die Zukunft zu fürchten und ihr (mit einem Wort Mallarmés) "le vierge, le vivace e bel aujourd'hui", "das jungfräuliche, lebensvolle und schöne Heute" (wie Schlüter übersetzt), vorzuziehen, "und mehr noch als alles andere die Vergangenheit, die geliebte sanfte, barmherzige Vergangenheit."

 

  • Giorgio Bassani, Die Gärten der Finzi-Contini. Roman. Aus dem Italienischen von Herbert Schlüter. 368 Seiten, broschiert. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2001. 13,90 Euro

 

Weitere Bücher Bassanis:

Die Ferrareser Geschichten brachten ihrem Verfasser 1956 den wichtigsten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega, ein.

 

"Wie in seinem Roman Die Gärten der Finzi-Contini beschwört Bassani auch in diesen Geschichten das Bild seiner Vaterstadt Ferrara, demonstriert er die Tragik der politischen Ereignisse der dreißiger und vierziger Jahre am Beispiel von Einzelschicksalen.

 

Da ist Lida Mantovani, die, nach der Geburt ihres Kindes von ihrem Geliebten verlassen, nach langen Jahren einen älteren Freund heiratet und ein bescheidenes Glück findet.

Da wirbt der kluge und begabte Arzt Elia Corcos (in "Der Spaziergang vor dem Abendessen") um die junge Krankenschwester Gemma Brondi, die aus einem sehr einfachen Hause stammt, und seine Lebensgeschichte wird die Geschichte einer Liebe und Ehe über unüberbrückbare soziale Gegensätze hinweg.

Geo Josz kehrt als einziger überlebender jüdischer Bürger Ferraras aus Deutschland zurück und findet seinen Namen auf einer Gedenktafel für die Opfer des Nationalsozialismus.

Verborgen und zurückgezogen lebt die leidenschaftliche Sozialistin

Clelia Trotti in den Jahren des Faschismus bei ihrer Schwester, und es entwickelt sich eine tiefe menschliche Beziehung zwischen ihr und dem Erzähler.

Vom Versagen des Bürgertums handelt die Erzählung "In einer Nacht des Jahres 1943". Einziger Augenzeuge einer Geiselerschießung ist der gelähmte Apotheker Barilari, der in dieser Nacht die Gewißheit erhält, daß seine Frau ihn betrügt."

(Text nach der vergriffenen Taschenbuchausgabe des Piper Verlags, Neuausgabe 1985)

 

Diese letzte Erzählung wurde 1960 von Florestano Vancini unter dem Titel Die lange Nacht von '43 (La lunga notte del '43) verfilmt. Hier der Trailer [2:20 Min] und ein Filmausschnitt [5:00 Min] – eindringlich.

Jochen Schimmang hat in einem in der tageszeitung erschienenen Artikel darauf hingewiesen, dass es "eine arge Verniedlichung" sei, wenn der Verlag (dem, davon abgesehen, Lob dafür gebührt, dass er fast alle Bücher Bassanis lieferbar hält, allein die Gedichte, In einem italienischen Garten, fehlen) in seinem Klappentext schreibe, der Autor setze in den Ferrareser Geschichten "seiner Heimatstadt und ihren Bewohnern ein liebesvolles Denkmal". Davon kann in der Tat keine Rede sein, Bassani schlägt vielmehr einen distanzierten, ironischen, manchmal beißenden Ton an.

Er selbst hat Ferrara mit 27 Jahren verlassen und lebte seitdem vornehmlich in Rom.

 

  • Giorgio Bassani, Ferrareser Geschichten. Aus dem Italienischen von Herbert Schlüter. 256 Seiten, broschiert. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2007. 12,00 Euro

 

Nachschrift 19.8.2013

Gern greife ich die Hinweise von Gisela Trahms auf (s. Kommentar #1) und verlinke hier ihre zum Lesen empfohlenen Beiträge zu den Ferrareser Geschichten und zu Die Brille mit dem Goldrand.

Zufall, dass ich bei meinem (zunächst) einmonatigen Berlinaufenthalt im Buchladen zur schwankenden Weltkugel ihre Bücher Die Schlangen wechseln das Ufer und Rauchen gekauft hatte?

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Kommentare: 3
  • #1

    Gisela Trahms (Montag, 19 August 2013 13:40)

    Ich freue mich, dass Sie an Bassani erinnern, er ist ein Lebensbegleiter!

    Hier noch zwei Links:
    http://www.poetenladen.de/trahms-giorgio-bassani.htm

    und
    http://www.umblaetterer.de/2011/07/31/giorgio-bassani-die-brille-mit-dem-goldrand/

    "Liebevolles Denkmal" ist ja schon eine kapitale Dummheit!

  • #2

    Meinolf Reul (Montag, 19 August 2013 19:15)

    Danke für Feedback und Links - hervorragend!

  • #3

    wmittich@gmail.com (Donnerstag, 22 September 2016 11:09)

    liebe Frau Trahms, ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass im Feber 2016 mein Buch "Micòl" erschienen ist, die Weiterschrift von Micòl Finzi Contini's Leben. Erschienen bei laurin Innsbruck
    Besten Gruß
    Waltraud Mittich

 

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