Georges Perec und Harry Mathews (4)

"Ganz am Ende dieses autobiographischen Romans folgt Harry Mathews einer Einladung des Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) nach Berlin. Er bezieht seine Wohnung in Charlottenburg und geht zum Mittagessen in die Paris Bar. Er belauscht ein Gespräch von zwei Gästen am Nebentisch. Sie streiten sich, ob Harry Mathews ein CIA-Agent gewesen sei oder nicht. Der eine beharrt darauf und berichtet von Mathews' Tod:

"Sie mußten ihn ausschalten. Er wurde mit äußerster Schadenszufügung aus dem Verkehr gezogen – die nasse Lösung." Der Ich-Erzähler kommentiert dies; es sind die letzten Sätze des Buches:

"Ich hatte genug gehört. Es bestand nicht der geringste Zweifel daran, daß dieser Mann die Wahrheit sagte.""

 

Joachim Sartorius, "Dieser Dichter ist ein Agent. Harry Mathews und die unglaublichen Abenteuer der Avantgarde im Geheimdienst". Süddeutsche Zeitung, 7. Oktober 2006

 

Mein Leben als CIA

 

"Paris 1973. Der amerikanische Schriftsteller Harry Mathews ist wohlhabend, gutaussehend, er verkehrt mit den großen Autoren, Philosophen und Künstlern der Zeit. Und wird von allen verdächtigt, CIA-Agent zu sein. Jetzt gibt es nur eine Schwierigkeit: Wie wird er wirklich einer? Mathews erfindet sich als CIA, er gründet ein Reisebüro, hält Vorträge über Reisen nach Russland und verkauft Schrott aus der Werkstatt des Künstlers Jean Tinguely als Teile von Spionageraketen. Bald beginnen sich die Geheimdienste mehr für ihn zu interessieren, als ihm lieb ist..."

(Text: Urs Engeler Editor)

 

Pressestimmen zur Originalausgabe:

"Wie könnte man eine Spionagetätigkeit besser tarnen als vor aller Augen einen Roman darüber zu schreiben?" (The New York Times) "Das Buch ist ein großer Spaß und wäre die perfekte Vorlage für eine Komödie über ein fast unglaubliches Geschehen – mit Bill Murray in der Hauptrolle." (The Hollywood Observer) "Voller bizarrer Sexszenen, absurder Geschehnisse und dunklen Gestalten. My Life in CIA ist elegant geschrieben und komponiert. Es bewegt sich mühelos vom Unterhaltsamen zum Verstörenden. Mathews Werk ist so bedeutend wie das von Saul Bellow und Italo Calvino und verdient mindestens so bekannt zu sein." (Globe and Mail) "Der Fred Astaire der amerikanischen Literatur. Nennt ihn Meta Harry!" (The New York Observer) "Ein höchst unterhaltsamer Spionageroman." (International Harold Tribune)

 

Die dicken Lügen, die Mathews auftischt, machen seine Geschichte absolut glaubwürdig (denn so läuft's wohl bei den Geheimdiensten und sogenannten Sicherheitsbehörden), das sagt viel aus über die Welt von heute, die der von 1973, als deren Chronik der Autor Mein Leben als CIA ausgibt, gar nicht so unähnlich ist.

An die von Globe and Mail gerühmten Sexszenen kann ich mich allerdings kaum erinnern, abgesehen von einer 'Stelle', in der eine Liliputanerin und ein Altar eine Rolle spielen, und das ist in der Tat bizarr (als obszön oder dirty habe ich es nicht wahrgenommen, das ganze Buch kommt in Nadelstreifen und einer Nelke im Knopfloch daher. - A propos, das gediegene Umschlagfoto der deutschsprachigen Ausgabe stammt von Sarah Quill und entstand 1976 in Venedig).

 

Urs Engeler hat Mathews ein vorbildliches Dossier eingerichtet (Menüpunkt "Autorinnen und Autoren" -> "Die übersetzten Autorinnen und Autoren" -> "Harry Mathews"); dort nachzulesen u. a. Kritiken von Thomas Böhm, Wieland Freund, Annett Gröschner, Jürgen Ritte, Joachim Sartorius (s. o.), Andreas Trojan und Dieter Wenk, die das hohe Niveau der deutschsprachigen Literaturkritik beweisen - und alle Unken- und Kassandrarufe widerlegen, die seit hundert Jahren ihren Niedergang behaupten.

  • Harry Mathews, Mein Leben als CIA. Chronik des Jahres 1973. Autobiographischer Roman. Aus dem Englischen (USA) von Michael Mundhenk. 280 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Urs Engeler Editor, Basel und Weil am Rhein 2006. 19,00 Euro

 

Wer weiterlesen möchte:

 

  • Ländliche Küche in Zentralfrankreich. Gefüllter Lammschulterrollbraten, ohne Knochen (farce double). Herausgegeben von Jürgen Ritte. Übersetzt von Werner Schmitz. 32 Seiten, Paperback. edition plasma, Berlin 1990. 8,50 Euro
  • (mit Aldo Clemente) Die Lust an sich. Übersetzt von Werner Schmitz. 152 Seiten mit 65 farbigen Lithographien, Hardcover. edition plasma, Berlin 1991. 25,00 Euro (ein "masturbationsreiches Buch", wie Sartorius in seiner eingangs zitierten Kritik festhält)
  • Minima Moralia: Das Bratislavische Spiccato. Erzählungen. Übersetzt von Werner Schmitz. 128 Seiten, Paperback. edition plasma, Berlin 1995. 18,00 Euro

 

Nach so viel Text nun erst einmal, zur Entspannung, ein bisschen Musik. Blur spielen (aus ihrem hervorragenden Album "Think Tank", 2003) "Out Of Time" und "We've Got A File On You"). Buon ascolto.

 

 

W oder die Kindheitserinnerung

 

Dieser sinnlose Nebel,

in dem sich Schatten bewegen,

wie könnte ich ihn lichten?

(Raymond Queneau)

 

Es ist noch längst nicht alles gesagt, was zu Perec und Mathews zu sagen wäre, aber indem ich dies sage (okay: schreibe - aber da ist kein großer Unterschied), kann ich jetzt auch aufhören,

allerdings nicht ohne auf das dritte Buch in der Perec-Werkausgabe bei diaphanes hinzuweisen. Es ist 1982, nach Perecs Tod, als Band 780 der Bibliothek Suhrkamp erstmals auf Deutsch erschienen - die Originalausgabe ist von 1975 - und nun (2012) glücklicherweise wiederaufgelegt worden.

 

"Mit der Neuauflage dieses lange vergriffenen Werks wird eine der "faszinierendsten Autobiographien des 20. Jahrhunderts"" (Walter van Rossum in DIE ZEIT) endlich wieder der deutschsprachigen Leserschaft zugänglich. In einer meisterlichen und verstörenden Erzählung verdichten sich Perecs Kindheitsphantasien von der utopischen Insel W, auf der das ganze Leben dem Sport gewidmet ist, mit den Erinnerungen an den Holocaust und den frühen Verlust der Eltern zu einer alptraumhaften Vision, die niemanden unberührt lässt.

Zwei Erzählungen, die sich überkreuzen, verschränken und schließlich in einem fulminanten Crescendo ineinander übergehen, prägen den Aufbau des Buches: die Phantasiewelt, die sich Perec als 13-jähriger Junge erfand, und ein autobiographischer Bericht, der eine chronologische Familiengeschichte nachzuzeichnen versucht.

Das Ringen um eigene, intime Erinnerungen im Nebel einer unerträglichen Vergangenheit findet eine unerhört kühne formale Darstellung, die es in der sorgsamen Übersetzung von Eugen Helmlé wiederzuentdecken gilt."

(Text: diaphanes)

 

"Ich weiß nicht, wo die Bande zerrissen sind, die mich an meine Kindheit fesseln. Wie jeder oder fast jeder habe ich einen Vater und eine Mutter gehabt, einen Topf, ein Gitterbettchen, eine Kinderklapper... Wie jeder habe ich alles aus meinen ersten Lebensjahren vergessen." - Georges Perec

 

Dies also die letzte nachdrückliche Empfehlung des Hotlist-Blogs in dieser kleinen Serie zu Georges Perec und Harry Mathews.

 

  • Georges Perec, W oder die Kindheitserinnerung. Aus dem Französischen von Eugen Helmlé. 176 Seiten, Broschur. diaphanes, Zürich und Berlin 2012. 12,00 Euro

 

Dieser sinnlose Nebel,

in dem sich Schatten bewegen,

liegt dort meine Zukunft?

(Raymond Queneau)

 

 

 

 

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