Georges Perec und Harry Mathews (3)

 

Damit es nicht langweilig wird (ist es denn langweilig?), zwischendurch der Hinweis auf ein, wie es scheint, sehr nützliches Büchlein Georges Perecs, dessen Titel schon fast alles sagt.

 

Hier eine Leseprobe, als Appetizer und Teaser.

 

"Im Buch ist ein Organigramm enthalten, also eine 'Landkarte', die die Wege zum Chef und zur Gehaltserhöhung veranschaulicht", lockt der Verlag. Ich stelle mir da eher eine M. C. Escher'sche Treppe vor, eine unendliche, unmögliche Treppe... In der Tat, Perecs vermeintliches Ratgeberbuch führt über viele Ecken und durch viele Türen ins Nichts. Was aber lässt einen ratloser zurück als das Nichts?

 

"Kafka hätte wohl seine helle Freude an dieser Beschreibung eines in den Mühlen der Verwaltung gefangenen, langsam alternden modernen Sisyphus gehabt, dessen Gehalt trotz aller Mühe nie steigen wird. Perecs Text ist nicht nur ein glänzender literarischer Scherz, sondern auch aktuell wie eh und je."
Georg Renöckel, Neue Zürcher Zeitung, 5.12.2009

 

  • Georges Perec, Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. Mit einem Nachwort von Bernard Magné. 112 Seiten, Leinen mit Schutzumschlag, eingehängtes Organigramm. Klett-Cotta, Stuttgart 2009 (2. Auflage). 14,95 Euro

 

Im Literaturforum im Brecht-Haus, wo Ralph Schock (SR2 KulturRadio, stellvertretender Leiter der Programmgruppe Künstlerisches Wort) und Gernot Krämer (SINN UND FORM, Mitglied in der diesjährigen Jury der Hotlist) ein anregendes, erhellendes Gespräch über Anton Voyls Fortgang bzw. La Disparition führten, fiel neben zahllosen anderen Hinweisen auch der, dass der Name Voyl auf "(la) voyelle" zurückgeht = "(der) Vokal", was ich gern nachtragen wollte.

Die im Roman enthaltenen Anspielungen auf das gestrichene E liest man am besten selbst nach - Schock erwähnte, dass das fünfte Kapitel fehlt (analog zur fünften Stelle im Alphabet), wie auch, in einer im Roman vorkommenden Bibliothek, der fünfte Band eines 26bändigen Werks. Ich erwähne noch die Episode eines Pferderennens, bei dem das Pferd Nr. 5 auf der Startlinie stehenbleibt.

Schock und Krämer deuteten auch eine dunkle, biographische Lesart des Perec'schen Lautspiels an: Der 1936 geborene Autor verlor 1940 seinen Vater (père) (der im Krieg fiel) und 1943 seine Mutter (mère) (die in einem Konzentrationslager umkam). Der Wegfall des E im Roman bildet so auch den Wegfall der elterlichen Stütze ab (Perec wuchs bei Verwandten auf).

Im Verlauf der Handlung von Anton Voyls Fortgang verschwindet eine ganze Sippe.

 

Ein Mann der schläft

 

"In der winzigen Pariser Mansarde klingelt wie jeden Morgen der Wecker. Heute gälte es, das Examen anzutreten – doch der junge Mann steht nicht auf. Er beschließt, an diesem Leben, das ihm nichts mehr zu geben hat, keinen Anteil mehr zu nehmen. Während über den Dächern von Paris die Sommerhitze brütet, überlässt er sich einem gefährlichen Selbstexperiment.

 

Georges Perecs drittes Buch ist die Geschichte einer radikalen Verweigerung. Noch vor der Oulipo-Zeit entstanden, ist dieser ganz in der Du-Perspektive geschriebene Roman eine Meditation über den Stillstand, eine Etüde über die Leere. Die brüchige Schönheit, die Perec der Selbstisolation verleiht, und die außergewöhnliche literarische Qualität machen Ein Mann der schläft (1967) zu einem modernen Urtext der Melancholie, der eine ganze Schriftstellergeneration inspirierte.

 

Perec adaptierte Ein Mann der schläft 1974 zusammen mit Bernard Queysanne für das Kino und erhielt dafür den ­Jean Vigo-Preis."

(Text: diaphanes)

 

Wer in die Suchmaschine "Un homme qui dort" eingibt, findet Ausschnitte aus dem genannten Film, teilweise englisch untertitelt.

 

  • Georges Perec, Ein Mann der schläft. Roman. Aus dem Französischen von Eugen Helmlé. 112 Seiten, Broschur. diaphanes, Zürich und Berlin 2012. 10,00 Euro

Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen

 

Während er seinen Du-Erzähler in Ein Mann der schläft in die Mansarde zwingt, spielt das hier angezeigte Buch, das der Schweizer Libelle Verlag herausgebracht hat, ganz und gar en plein air - "[e]in freundlicher dichter Meistertext eines Großmeisters der Literatur des 20. Jahrhunderts", so urteilen Verleger Ekkehard Faude und Verlegerin Elisabeth Tschiemer.

 

"Vom 18. bis 20. Oktober 1974 lässt sich Perec zu unterschiedlichen Tageszeiten in Cafés und am Brunnen der Place St. Sulpice nieder und notiert, was sich Touristen oder Reiseschriftsteller aufschreiben. Er schaut dem chaotischen Durchgangsleben rund um die Kirche zu, er registriert auch, was geschieht, wenn eigentlich nichts passiert. Unermüdlich neugierig darauf, wie die Wahrnehmungsbilder sein Denken verändern. Perec lesend, schärfen wir unseren eigenen Blick."

(Text: Libelle Verlag)

 

Ein Zitat von Stefan Zweifel, der immer eine gute Spürnase in Sachen Literatur hat:

 

"Wer weiss, dass Raymond Queneau in Stilübungen eine Busfahrt in Paris wie ein Telegramm, einen Sportreport oder ein Sonett auf 99 Arten geschildert hat, kann im eigenen Kopf die 111 Erwähnungen von Bussen bei Georges Perec multiplizieren und sich schwindelnd die Variationen ausmalen. Das Unendliche im Mikrokosmos eines Platzes. Dafür muss man nichts wissen, weder dass in der Kirche Saint-Sulpice der Marquis de Sade getauft wurde noch dass im Café de la Mairie Georges Bataille eine antfaschistische Widerstandsgruppe leitete. Von solchen Allgemeinplätzen räumt Georges Perec die Place Saint Sulpice leer. Entrümpelt unseren Geist. Er sieht nur sein Blickfeld. Eine mönchische Etüde mitten im mondänen Paris. Ein Wegweiser ins Heute und ins eigene Herz und Hirn."

Stefan Zweifel, Neue Zürcher Zeitung, 11. Dezember 2010

 

  • Georges Perec, Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen. Aus dem Französischen und mit einer Nachbemerkung von Tobias Scheffel. 64 Seiten, kartoniert. Libelle Verlag, Lengwil 2011 (2. Auflage). 12,80 Euro

 

Von der gestrigen Buchpräsentation im Brecht-Haus werde ich auch eine Ankedote im Gedächtnis behalten, die Ralph Schock erzählte - ein Beispiel für die existentielle Relevanz des literarischen Verfahrens der Kombinatorik: Ein Kompaniechef (?) ließ seine Soldaten (?) zum Gebet antreten. Das Gebet war das Alphabet: A, B, C, D, E, F, G, H, I, J, K, L, M, N, O, P, Q, R, S, T, U, V, W, X, Y, Z. Der liebe Gott werde sich schon seinen Reim darauf machen.

 

(Was ist mit Mathews?)

 

Georges Perec ist immer noch Mitglied des "Ouvroir de Littérature Potentielle", allerdings wegen Sterbefalls entschuldigt. So ist die Regel.

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