Meldung aus Wien: Lieder, wie sie in keinem Gesangbuch stehen

Klagenfurt am Wörthersee (Foto: Senta Wagner)
Klagenfurt am Wörthersee (Foto: Senta Wagner)

Noch einmal Klagenfurt, weil es so schön und fast wie immer war – und weil der renommierte Ingeborg-Bachmann-Preis gerettet ist. Halleluja! Das Verdienst vieler Verantwortlicher aus Stadt und Land und von höchsten Stellen. Die Empörung der Empörten nicht zu vergessen.

Haupt- und Nebenpreise sind für diese Wettbewerbsrunde längst vergeben, es bleibt die Erwartung manches Romanwerks, vor allem jenes von Katja Petrowskaja, der Gewinnerin des Bachmannpreises (25.000 Euro). Vielleicht extra für dieses (befürchtete letzte) Mal produziert, das bisweilen erlesene, sonst solide Niveau der Textbeiträge. Watschen gab es freilich auch, dezente.

Nun ist es so, dass die siebenköpfige Jury noch so viel jubilieren, kritisieren, sich verlieben, verzetteln und widersprechen kann, das Publikum vor Ort wie an den Bildschirmen, also DIE Leserschaft, bildet sich im Laufe der Tage der deutschsprachigen Literatur seine eigene Meinung und wählt mit dem Publikumspreis (7.000 Euro) per Internetabstimmung seinen Liebling. Liebling muss nicht einmal auf der Shortlist der Veranstaltung landen.

Die überraschte Gewinnerin 2013 heißt Nadine Kegele. Die 1980 geborene Vorarlbergerin, die längst in Wien lebt, war eine der beiden österreichischen Teilnehmerinnen am diesjährigen Wettbewerb und kam auf Einladung des Juryvorsitzenden Burkhart Spinnen. Bevor losgelesen wurde, entfuhr der jungen Autorin bereits ein kleiner Stoßseufzer bei der Auslosung der Lesereihenfolge. Ihr Beitrag mit dem ungemütlichen Titel „Scherben schlucken“ ist ein Romanauszug. Wie gesagt, in der Literaturkritik geht es auch um Liebe, für Spinnen war es in diesem Fall eine unglückliche.

 

Nadine Kegele hat mit ihrem im Frühjahr 2013 beim Wiener Czernin Verlag erschienenen Erzählungsband „Annalieder“ ihr literarisches Debüt vorgelegt und damit für „Erfrischung“ in der Presse gesorgt. Von der würde man noch hören, heißt es. Kegele veröffentlicht darüber hinaus in Zeitschriften und Anthologien und schreibt Artikel für verschiedene Feuilletons. Sie wurde bereits mit diversen Preisen ausgezeichnet, darunter ein weiterer Publikumspreis, nämlich des Wortspiele Literaturfestivals Wien 2013, wo sie aus ihrem Erstling gelesen hat.

 

Keine Frage, die Texte kommen an. Die zwölf komprimierten Erzählungen belauern Alltagsauschnitte aus dem Leben von Frauen wie Michaela, Helena und Co. und summen dabei eine verstörende Melodie, eher in Moll als in hellem Dur. Irgendetwas geht in dem Leben der Heldinnen nicht auf, was, bleibt als ungute, mal rätselhafte Leerstelle im Raum und den Lesenden zur Interpretation überlassen. Die Lieder haben irgendwie einen Sprung, dennoch sind die Erzählungen in sich geschlossen und rund. Kegele ist Sympathisantin ihrer Frauenfiguren, sie habe starke Typen erschaffen, die mit Verve ihren Weg der Anverwandlung des Lebens gehen. Keine wird denunziert.

In dem engen Erzählrahmen ist es ihr staunenswert gut gelungen, die Zumutungen im Leben der Frauen und ihre möglichen Ausbrüche in jeder Geschichte neu zu verhandeln. Die Themen mögen hässlich sein: Verlassenwerden, Identitätsverirrungen oder das Sterben als Möglichkeit. Dazu bedarf Kegeles Prosa keiner schrillen Töne, keiner Larmoyanz, ihre Stärke liegt vielmehr im direkten, zierdelosen und beobachtungsscharfen Gestus. Dabei überrascht sie mit einem flapsigen Ton und formalen Einfällen wie Satzabbrüchen und Zeilensprüngen.

 

Zum Textauszug hier entlang:

Frauen mit Blumen

 

Und ich grüße meine Freunde, meine Familie und alle, die mich kennen, hatte sie ins Mikrofon, nämlich gesäuselt, wie man es kannte von Preisverleihungen. Es war Alkohol gewesen, der sie säuseln gemacht hatte, es war Alkohol gewesen, der sie in diesem Moment so tun ließ, als hätte sie tatsächlich jemanden, der sie kennt. Als glaubte sie es selbst, weil sie es in ein Mikro sprach und der Verstärker ihre Stimme nahm und an die Wände warf und der Tusch ein Satzzeichen schien, das untermauerte.

Sie trank selten. Auf ihrem Fensterbrett stand neben der Teebutter der Eigenmarke und dem geöffneten Glas Fertigsugo dennoch eine entkorkte Flasche Sekt. Manchmal Champagner. Doch zumeist legten sie es auf einen billigen Rausch an, der ihnen die Hemmung nehmen sollte, alles immer möglichst billig. Und sie trank nicht mit, nie trank sie mit, obwohl sie darum gebeten wurde, doch verschwendete ohnehin kaum einer einen Gedanken daran danach. Und danach leerte sie den Rest, der außen auf dem Fenstersims in die kühle Luft geprickelt war, in den Abguss der Koch¬nische. Den Schaum, der sich im Metallbecken sammelte, spülte sie mit einem Schuss Wasser aus dem Hahn nach. Freitags trug sie die leeren Flaschen zum Container, und die ausgespülten Sugogläser, für drei Tage reichte eins. Mit den Nudeln kam sie länger aus. (Textauszug aus „Annalieder“: Czernin Verlag 2013)

 

 

  • Nadine Kegele: Annalieder. Erzählungen. Wien: Czernin Verlag 2013. 112 Seiten. 17,90 Euro. ebook: 14,99 Euro

 

Nadine Kegele (Foto: Pamela Russmann)
Nadine Kegele (Foto: Pamela Russmann)

 

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