Textem Verlag: Literatur und Essay

 

Ehe es zu den Neuerscheinungen des Textem Verlags geht, weise ich auf ein älteres Buch dieses Verlags hin, das im Bewusstsein von Buchhändlern und Lesern noch gar nicht richtig aufgetaucht ist. Die Anziehungskraft von inszeniertem Käse scheint eben doch höher zu sein als die eines kleinen cleveren Büchels, das mit nichts mehr prunkt als mit seiner eigenen Klasse.

 

Immerhin, unter der Überschrift "Das liest man zum Fest!" notierte David Hugendick in der ZEIT: "Witzel: schwungvoll, ein bisschen verrückt, ein herrlich komischer Betriebsnudelroman zum Ausklang des Jahres. Und Satzungetüme kann Witzel wie der Tellkamp."

 

Frank Witzel, Vondenloh

 

"Warum schreibt die Schriftstellerin Bettine Vondenloh niemals Romane über 120 Seiten? Steckt tatsächlich nur eine Maximumklausel in ihrem Autorenvertrag dahinter? Oder der prägende Einfluss von Peter Handkes Kurzem Brief zum langen Abschied (zumindest wenn dessen zweiter Teil im Klosett gelandet ist)? Oder hat es doch etwas mit den geheimnisvollen Ausflügen zu tun, von denen sie einst mit einem kugeldurchlöcherten Wagen zurückkam? Das sind nur einige der Fragen, mit denen sich der Erzähler dieses Romans konfrontiert sieht. Dabei versucht er doch nur, Kontakt zu seiner verschollenen Jugendliebe Helga aufzunehmen.

 

Frank Witzels hinreißend komischer Roman Vondenloh kombiniert die wenig beachtete Form des Literaturbetriebskrimis mit der zu Unrecht anstaubenden Gattung der Dorfgeschichte: Ein gigantischer Wal beginnt gehörig zu stinken, die Psychoanalytiker Ernest Jones, Jacques Lacan und Wilhelm Reich entkommen knapp einem gefährlichen Sturz, eine riesige Wachsstatue des Reichsführers Himmler offenbart ihr Innenleben, und eine extravagante Schriftstellerin hat gehörig Probleme mit dem Älterwerden. Zum Glück gibt es noch Siegfried Lenz. Auf den alten Ostpreußen scheint jedenfalls mehr Verlass als auf Witzels Erzähler. Immerhin: Jedes Mal wenn man glaubt, er verliere sich endgültig auf den Ab- und Umwegen seiner Geschichte, rettet er sich und die Leser mit einer absurden Volte in die nächste Bredouille."

(Text: Textem Verlag)

 

  • Frank Witzel, Vondenloh. Roman. 224 Seiten, gebunden. Textem Verlag, Hamburg 2008. 18,00 Euro 

In diesem Frühjahr bastelt der Textem Verlag weiter an seiner ausgezeichneten Idee (und ebensolchen Realisierung) namens "Kleiner Stimmungs-Atlas in Einzelbänden". Kathrin Busch schreibt über Passivität, Rupert Gaderer erforscht die Querulanz.

 

Kathrin Busch, Passivität

 

"Die Geschichte der Philosophie ist geprägt von einem Denken in Gegensätzen – dazu zählt auch das Oppositionspaar von Aktivität und Passivität. Die dabei bislang unbezweifelte Bevorzugung der Aktivität gerät zunehmend in Verruf, und es scheint, als antwortete man auf philosophischer Seite mit einem gesteigerten Interesse an Phänomenen des Passivischen auf ein Unbehagen am Vorrang des Tuns. Die Appelle und Ansprüche an das eigenverantwortliche Tätigsein sind im Alltag in einer Weise angewachsen, dass sie mit Unmut, wenn nicht mit Verweigerung oder krankhaften Störungen beantwortet werden. Das heutige Subjekt ist als "unternehmerisches Selbst", wenn es sich verweigert, nicht deviant und gesetzesbrecherisch, sondern es versagt, ist ausgebrannt und kann nicht mehr. Diese Schwächung des Könnens der zur kreativen Selbstverwirklichung angehaltenen Individuen setzt auch jenes Nichtstun und jene "tiefe Langeweile" der vita contemplativa außer Kraft, die man lange als Bedingung wirklicher Erfahrung und eines ihr entspringenden schöpferischen Handelns angesehen hat."

(Text: Textem Verlag)

 

Über Kathrin Busch teilt der Verlag nicht mehr mit, als dass sie seit 2010 Professorin an der Universität der Künste in Berlin ist.

 

  • KLEINER STIMMUNGS-ATLAS IN EINZELBÄNDEN, Bd. 6: Kathrin Busch, P – Passivität. ca. 80 Seiten, Broschur. Textem Verlag, Hamburg 2013. 12,00 Euro

 

Rupert Gaderer, Querulanz

 

"Es geht um den Versuch und die Probe, eine medien- und kulturtheoretische Auffächerung der Querulanz zu rekonstruieren: Wovon könnte die Geschichte der Querulanz eigentlich die Geschichte sein? Als Erstes stellt sich die Frage, welche gerichtlichen Strafpraktiken die Querulanz um 1800 erregten, welche Machtverhältnisse ihre Beziehungen bestimmten und welche Bedingungen es ermöglichten, erstmals in dieser Zeit, das Querulieren untersuchbar zu machen. Zweitens wird danach gefragt, inwiefern das Querulieren medientheoretisch beschrieben werden kann, wenn es als ein Ensemble von Relationen beobachtet wird. Das dritte Moment betrifft das Schicksal der Querulanz, von der psychiatrischen Macht beleuchtet worden zu sein: Akribische Sammlungen von querulatorischen Fallgeschichten und ihre Kommentierungen traten in und neben den juristischen Diskurs. Das vierte Moment berührt die Literatur, die von Anfang an das Querulieren mit hoher Aufmerksamkeit verfolgte und – etwa bei Kleist und Kafka – zur Gerichtsbühne wurde, auf der sich das Querulieren etablieren und sein Potenzial ausweiten konnte."

(Text: Textem Verlag)

 

Rupert Gaderer ist Mitarbeiter am Institut für Medienwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum.

 

Querulieren ist ein seltenes Tuwort, nutzen wir die Gelegenheit, um...

 

PRÄSENS

ich queruliere

du querulierst

er/sie queruliert

wir querulieren

ihr queruliert

sie querulieren

 

FUTUR

ich werde querulieren

du wirst querulieren

er/sie wird querulieren

wir werden querulieren

ihr werdet querulieren

sie werden querulieren

 

Regelmäßiges Verb, okay. Aber selten.

 

  • KLEINER STIMMUNGS-ATLAS IN EINZELBÄNDEN, Bd. 7: Rupert Gaderer, Q – Querulanz. ca. 100 Seiten, Broschur. Textem Verlag, Hamburg 2013. 12,00 Euro

 

Dirck Linck, Batman & Robin

 

""Batman geht in die/ Küche und trifft / dort auf Robin, der / dem Forscher Dr. / Richard Marsten ein / Omelette à la française / zubereitet, das heißt / er kaut ihm einen ab", dichtete Rolf Dieter Brinkmann 1968. Auch in anderen Texten der damaligen Popliteratur haben Batman und das "Boy Wonder" Robin ihren Auftritt – bei Elfriede Jelinek, Peter O. Chotjewitz, Heinz von Cramer, Ulf Miehe usw.. Dirck Lincks kluger, materialreicher Essay erkundet die popkulturelle Attraktion des Mythos Batman und zeigt, dass das "dynamic duo" Batman und Robin als homosexuelles zwar nicht angelegt, aber problemlos zu besetzen war. Eine Aneignung, die sich nicht nur die amerikanische Gesetzgebung zueigen machte, der damit ein weiterer Beweis für die jugendgefährdende Wirkung von Comics gegeben schien, sondern die die inzwischen über 70-jährige Wirkungsgeschichte des "dunklen Ritters" prägen sollte – in TV- und Filmadaptationen, aber auch in einer Literatur, die auf einmal die angenehm anrüchigen "Trivialmythen" des Westen entdeckte (eine Literatur, über die viel gequatscht wird, die kaum jemand aber so genau liest und ernstnimmt, wie es Linck tut)."

(Text: Textem Verlag)

 

Dirck Linck ist Mitarbeiter an der Humboldt-Universität zu Berlin und im Sonderforschungsbereich "Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste" (FU Berlin).

 

  • Dirck Linck, Batman & Robin. Das "dynamic duo" und sein Weg in die deutschsprachige Popliteratur der 60er Jahre. 100 Seiten, Broschur. Textem Verlag, Hamburg 2012. 12,00 Euro

 

Zum Schluss Literatur, preiswert wie ein Reclam-Heft, aber ganz zeitgenössisch:

 

Constantin Göttfert, Detroit

 

"Am 23. August, im Sommer vor dem sogenannten Millennium, traten wir durch die automatischen Schiebetüren des Kennedy International Airports in das klimatisierte Büro einer Autovermietung. Wir nannten unseren Namen und legten unsere Reisepässe auf die Theke; es war alles lange vorbereitet gewesen, und trotzdem erschien es mir jetzt urplötzlich zu passieren. Ein Mitarbeiter führte uns hinaus auf den von der Sonne aufgeheizten Betonparkplatz. Ich unterschrieb als Dritter den Vertrag auf dem heißen, schwarzen Wagendach. Dann stiegen wir ein: Gerhard vorne, Manuel auf der Rückbank. Wir waren drei Brüder und auf eine Million Dollar versichert. Wir schalteten die Klimaanlage an und schwitzten.

Unser Wagen hieß Lincoln Towncar und war so breit, dass Manuel sich noch in New York auf der Rückbank fast völlig ausstrecken konnte. Er sei nur müde und erschöpft vom Flug. Ihm sei schwindlig. Unseren Vorschlag, bei einer Drive-in-Apotheke vorbeizufahren, lehnte er ab. Es sei nur eine Verkühlung. Von Manhattan und der Brooklyn Bridge, von der er uns noch im Flugzeug erzählt hatte, der Ingenieur habe, um die skeptische New Yorker Bevölkerung von ihrer Stabilität zu überzeugen, im Jahre 1883 21 Elefanten darüber laufen lassen, sah er nichts. (...)"

 

Constantin Göttfert, geboren 1979, lebt in Wien. 

Er veröffentlichte 2010 den Erzählband In dieser Wildnis im Poetenladen Verlag.

2011 erschien sein Debütroman Satus Katze bei C. H. Beck.

 

  • Constantin Göttfert, Detroit. Erzählung. 28 Seiten, broschiert. Textem Verlag, Hamburg 2012. 3,00 Euro

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