"Naturkunden" bei Matthes & Seitz Berlin

 

Als Judith Schalansky 2008 in meiner (gewesenen) Buchhandlung aus ihrem ersten Buch Blau steht dir nicht las, fielen ihr die Bücher der Reihe Potsdamer Pomologische Geschichten des vacat verlags ins Auge - sie war zum Teil an deren Gestaltung beteiligt gewesen (was ich nicht wusste).

In der dies Jahr startenden Reihe der "Naturkunden", die sie bei Matthes & Seitz Berlin herausgibt, kann Schalansky, deren Freude an der Natur und an den Naturwissenschaften zuletzt in ihrem ausgezeichneten Roman Der Hals der Giraffe ihren Niederschlag fand, ihrem Interesse nach Herzenslust nachgehen. Wohlfeil sind die angekündigten Bände nicht, aber ich will gerne glauben, dass sie ihren Preis wert sind.

 

Im folgenden ein kleiner Vorgeschmack auf das, was kommt.

 

Korbinian Aigner, Äpfel und Birnen

 

"In knapp achthundert Aquarellen zeichnete Korbinian Aigner Apfelsorten aus aller Welt. Seine Bildtafeln zeigen in Originalgröße kleine, große, gestreifte, gefleckte, gepunktete, runde, spitze, plattgedrückte, grüne, gelbe, rote, glänzende, blasse, schiefe, glatte oder schrumpelige Äpfel. Wegen ihrer Exaktheit und Systematik dienen Aigners Abbildungen noch heute als Grundlage für pomologische Lexika. Ihr künstlerischer Wert wurde durch ihre Ausstellung auf der Documenta 2012 erstmals einem breiten Publikum bekannt.
Die systematische Erfassung eines Einzelbereichs der Welt, der Natur, ist immer auch der Versuch, Ordnung und Struktur zu schaffen. In ihrer fast unüberschaubaren Fülle bieten die Äpfel- und Birnenbilder eine
prächtige Einladung zum Schauen, zur Beschäftigung mit der uns umgebenden alltäglichen Natur. Kein Apfel gleicht dem anderen, jeder besitzt einen eigenen Charakter, eine eigene Schönheit. "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich doch heute ein Apfelbäumchen pflanzen", soll Martin Luther gesagt haben. Der bayerische Pfarrer Korbinian Aigner hat eben dies getan."

(Text: Matthes & Seitz Berlin)

 

Der Bauerssohn, Pfarrer und Religionslehrer Korbinian Aigner, 1885 in Hohenpolding geboren, lehrte seit etwa 1912 Zeichnen am Knaben-Seminar Scheyern. Als Gegner der Nationalsozialisten wurde er im Dritten Reich denunziert und inhaftiert. Im Dachauer Konzentrationslager züchtete er zwischen den Baracken Äpfel. Aigner gab den verschiedenen Sorten die Namen KZ-1, KZ-2, KZ-3 und KZ-4. Er überlebte die Haft, blieb Seelsorger und widmete sich bis zu seinem Tod 1966 als Pomologe dem Obstbau und der wissenschaftlichen Zeichnung von Apfelsorten. Die Sorte KZ-3 wurde zu seinem Andenken 1985 in Korbiniansapfel umbenannt.

 

  • Korbinian Aigner, Äpfel und Birnen. Das Gesamtwerk. Herausgegeben von Judith Schalansky. Mit Beiträgen von Julia Voss. 260 Seiten mit 800 farbigen Aquarellen, Halbleinenband mit Kopfschnitt (Folioformat). Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2013. 89,00 Euro

          erscheint März 2013

 

John Muir, Die Berge Kaliforniens

 

"Die deutsche Erstübersetzung des amerikanischen Klassikers The Mountains of California ist auch die Entdeckung eines hierzulande unbekannten literarischen Genres, des Nature writing, zu dessen bedeutendsten Vertretern neben R. W. Emerson und H. D. Thoreau zweifelsohne John Muir zählt. Durch einen Unfall kurzzeitig erblindet, fürchtete er, die Schönheit der Welt nie wieder erblicken zu können. Nach seiner Genesung befasste er sich mit den Auswirkungen der Kolonisierung auf die Natur und entwickelte eine Vielzahl ökologischer Ideen. So wurde er zum 'Vater der Nationalparks'; auf ihn sind unter anderem die Naturschutzorganisation Sierra Club und der Yosemite-Nationalpark zurückzuführen. John Muirs hier vorgestelltes Hauptwerk The Mountains of California aus dem Jahr 1894 verbindet geologische und botanische Studien mit philosophischen Reflexionen und bettet sie in eine Erzählung ein, deren grandiose Naturbeschreibung eine Welt wiedererwecken, die zu Muirs Lebzeiten bereits im Untergang begriffen war. In Die Berge Kaliforniens, der brillanten deutschen Übersetzung von Jürgen Brôcan, begegnen wir einer unberührten, wilden und gleichzeitig auch schutzbedürftigen Natur."

(Text: Matthes & Seitz Berlin)

 

John Muir (1838–1914), war ein schottisch-US-amerikanischer Universalgelehrter. Er betätigte sich als Naturwissenschaftler, Entdecker, Schriftsteller, Erfinder, Ingenieur und Geologe. Im Laufe seines Lebens entwickelte er sich vom Naturforscher mehr und mehr zum Naturschützer und nahm dabei viele der Ideen der heutigen Öko- und Tierrechtsbewegung vorweg. Er war erklärter Gegner der Domestizierung – domestizierte Tiere hielt er für seelenlos und nur halb lebendig. Sein offizielles botanisches Autorenkürzel lautet 'J. Muir'.

 

  • John Muir, Die Berge Kaliforniens. Aus dem Englischen (USA)  und mit einem Nachwort von Jürgen Brôcan. Herausgegeben von Judith Schalansky. 340 Seiten, mit zahlreichen Fotografien in Duoton von Eadweard Muybridge, Paperback, Fadenheftung mit Kopfschnitt und Lesebändchen (Oktavformat). Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2012. 34,00 Euro (= Naturkunden 2)  

          erscheint März 2013

 

Jürgen Goldstein, Die Entdeckung der Natur

 

"Die Entdeckung der Natur ist eine Erfahrungsgeschichte, deren Anfänge ins 14. Jahrhundert zurückreichen. Ein lebendiges Panorama ihrer Schauplätze und Protagonisten entwirft Jürgen Goldstein in sechzehn Kapiteln: von Petrarcas Mont-Ventoux-Erlebnis über Georg Forsters Tahiti-Reise und Georg Christoph Lichtenbergs Überfahrt nach Helgoland bis hin zu Reinhold Messners Besteigung des Mount Everest. Anhand von acht Bergbesteigungen und acht Horizontüberschreitungen durch Seefahrten zeichnet er einen Entwicklungsbogen nach, der von der zaghaft einsetzenden Lust am Schauen über die spektakulären Naturerkundungen bis zur heutigen Anschauungsmüdigkeit reicht.

Aus den historischen Erfahrungsberichten spinnt Jürgen Goldstein eine dichte, fast literarische Erzählung der sich wandelnden Wahrnehmung der Natur, die diese Entdeckungserlebnisse zu unmittelbarem Leben erweckt. Indem er jene oft brillanten Schriftsteller wie Goethe und Darwin oder Claude Lévi-Strauss und Peter Handke selbst zu Wort kommen lässt, gelingt es ihm, die Erzählung als Wissensform zu rehabilitieren und die Leser an der Unmittelbarkeit ihrer Eindrücke teilhaben zu lassen. Was die Reisetagebücher, Briefe, Notizen und Erzählungen der Anschauungsnomaden verbindet, ist die Liebe zur Welt."

(Text: Matthes & Seitz Berlin)

 

Jürgen Goldstein, geboren 1962 in Beckum, lehrt Philosophie an der Universität Koblenz-Landau. Er forscht u. a. zu Hans Blumenberg, über Aspekte der Politischen Philosophie der Gegenwart sowie über die Geschichte der Naturwahrnehmung.

 

  • Jürgen Goldstein, Die Entdeckung der Natur. Ein Panorama in sechzehn Kapiteln. ca. 320 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, gebunden. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2012. ca. 38,00 Euro (= Naturkunden 3)

          erscheint März 2013

 

Cord Riechelmann, Krähen

 

"Die Familie der Krähen, wissenschaftlich Corvidae, ist eine in der Entwicklungsgeschichte der Singvögel relativ junge Familie. Sie umfasst 123 Arten, zu denen auch Elstern und Häher zählen; ihre engsten Verwandten sind die Paradiesvögel. Anders als diese kommen die meist schwarz gefärbten Krähen beinahe überall auf der Erde vor. Die Mythen, die sie von jeher begleiten, sind ebenso dunkel wie sie und handeln fast immer von Übel und Tod. Selbst die zunehmende Erforschung ihrer herausragenden Intelligenz konnte sie nicht von ihrem schlechten Ruf befreien. Im Gegenteil: Dass Krähen über ein Gedächtnisvermögen verfügen, das sogar jede menschliche Kapazität übersteigt, scheint nur ein weiterer Ausweis ihrer Unheimlichkeit zu sein. Cord Riechelmann, "der einzige wirkliche Tierjournalist, den wir haben" (Jakob Augstein), erzählt die erstaunliche Natur- und Kulturgeschichte dieser klugen Vögel und stellt zwanzig Krähenarten vor, die er selbst auf fünf Kontinenten beobachten konnte. Sein Tierportrait vermittelt nichts weniger als den unvoreingenommenen Blick auf das scheinbar Vertraute."

(Text: Matthes & Seitz Berlin)

 

Cord Riechelmann, geboren 1960 in Celle, studierte Biologie und Philosophie an der Freien Universität Berlin. Er war Lehrbeauftragter für das Sozialverhalten von Primaten und für die "Geschichte biologischer Forschung". Außerdem arbeitete er als Kolumnist und Stadtnaturreporter für die "Berliner Seiten" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sein Hauptinteresse gilt den Lebensbedingungen von Natur in der Kultur städtischer Lebensräume. Er lebt als Publizist und Autor in Berlin.

 

  • Cord Riechelmann, Krähen. Ein Portrait. 128 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen, Paperback, Fadenheftung, Kopfschnitt (Kleinoktav-Format). Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2013. 18,00 Euro (= Naturkunden 1)

          erscheint März 2013

 

 

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