Der Preis der Hotlist geht an den Droschl Verlag. Melusine Huss-Preis für den Peter Hammer Verlag

Gestern abend wurden im Frankfurter Literaturhaus die Preise der Independents vergeben. Der Hotlist-Preis ging an den Droschl Literaturverlag, Graz, für Dunkelheit am Ende des Tunnels, Geschichten von Tor Ulven, der mit diesem Buch zum ersten Mal in deutscher Sprache vorgestellt wird.

Der Melusine Huss-Preis wurde an den Peter Hammer Verlag, Wuppertal, vergeben, für das Buch Der Pirat und der Apotheker von Robert Louis Stevenson und Henning Wagenbreth (Illustrationen).

Der Preis der Hotlist wird von einer unabhängigen Jury verliehen. Ihr gehörten 2012 Claudia Cosmo (Freie Journalistin, Köln), Peter Kolling (Buchhandlung Proust, Essen), Beat Mazenauer (Literaturkritiker und Publizist, Luzern), Wiebke Porombka (Literaturkritikerin und Publizistin, Berlin), Daniela Strigl (Literaturkritikerin und Publizistin, Wien), Guido Ullmann (Dussmann, das KulturKaufhaus, Berlin) und Norbert Wehr (Herausgeber der Literaturzeitschrift „Schreibheft“, Essen) an.

 

Der Gewinner des Melusine Huss-Preises, benannt nach der legendären Frankfurter Buchhändlerin Melusine Huss (1920-1989), wird durch Abstimmung unter den Buchhändlerinnen und Buchhändlern ermittelt; er geht an einen Verlag auf der Hotlist und ist dotiert mit einem Druckgutschein der Freiburger Graphischen Betriebe im Wert von 4.000 Euro.

 

Herzlichen Glückwunsch an den Droschl Verlag und an den Peter Hammer Verlag für diesen schönen Erfolg! Möge die Auszeichnung dazu beitragen, den wunderbaren Büchern weitere, neue Leser zu gewinnen!

 

© Lars-Aarønæs
© Lars-Aarønæs

Dunkelheit am Ende des Tunnels

 

Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, hat Tor Ulven zugunsten des Todes gefällt – wenn so sein Selbstmord im Alter von 41 Jahren gedeutet werden kann. Bis zu diesem Moment hat er Gutes und Sinnstiftendes geleistet, Bücher von Samuel Beckett und Claude Simon ins Norwegische übersetzt, Gedichte, Erzählungen und einen Roman geschrieben –; wer könnte sich anmaßen zu beurteilen, ob nicht auch sein Entschluss, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen, als sinnvoll gedacht werden kann oder nicht. Bedauern muss man ihn.

 

Dunkelheit am Ende des Tunnels ist das letzte Buch Ulvens, der in seinem Heimatland als writer’s writer gilt. Doch ob ein Schriftsteller ‚nur’ als Anregeautor für seine Kollegen wahrgenommen wird oder eine darüber hinausgehende Wirkung entfaltet, das liegt in der Hand der Leser. Nichts spricht dagegen, dass ihnen Dunkelheit am Ende des Tunnels gefallen könnte.

 

Ein Meisterwerk bereits der erste Text des Bandes, „Ich schlafe“. Die Handlung ist rasch erzählt:

 

Eine alte Frau, die an Schlaflosigkeit leidet, und die mit einem „Scheusal“ zusammenlebt, das seinerseits – zu ihrem großen Verdruss – einen guten Schlaf hat, beobachtet vom Fenster ihrer abgedunkelten Wohnung aus das sehr reduzierte Geschehen im illuminierten Café gegenüber, in dem sich drei Gäste und ein Kellner aufhalten. Aus den Stimmen dieser fünf wachenden Menschen ist die Erzählung komponiert, wobei die Gäste in sich noch einmal geschieden sind in ein junges Paar und einen älteren dickleibigen Mann.

Es ist für den Leser zwar leicht zu ersehen, wem Sprech- oder Denkstimme jeweils zuzuordnen ist. Die klare Konstruktion erweist sich dennoch wahlweise als labyrinthisch oder klaustrophobisch, da die Fünf gedanklich in sich gefangen sind, sich erträumen, jemand anders zu sein und doch auch wieder nicht: „Er möchte er selbst bleiben, aber des anderen Geld haben.“ Aus der Divergenz zwischen dem, was ihnen durch den Kopf geht, und dem Wissen, das der Leser über sie hat, ergibt sich eine Komik, die zwar sarkastisch und bitter ist, aber eben doch auch zum Lachen.

Beeindruckend auch „Knochenklang“. Darin gerät die Hauptperson in plötzliche Nähe zu einer Partybekanntschaft.

„[I]n dem Moment hatte er überhaupt nicht gedacht, sie nur gedrückt, fest, verständnislos, als wäre sie ein sonderbar geformter Gasballon, den er plötzlich zu halten gebeten worden war, in einem Zirkus oder dergleichen […].“

Ulven isoliert die Situation von ihrem Hintergrund, dem „Rest von dem Fest“, der noch erahnbar ist, jedoch „anwesend nur wie die Metallgeräusche eines Zugs, wenn man vor Erschöpfung im Sitz schläft“.

 

Ulven ist finster-sarkastisch, ja, aber er unterhält seine Leser gut, ist erfindungsreich, spielt die Rolle des dysfunktionalen Entertainers, dem die Launigkeit, während er noch die Showtreppe herabsteigt, zum Grinsen gefriert. Das hat auch Thrill. Seine Beobachtungsschärfe und Beschreibungskunst sind brillant, ungeheuerlich... Er treibt die Präzision bis zum Paroxysmus, wo die harten Konturen plötzlich labberig und traumhaft erscheinen, nicht unähnlich den wie Käse zerlaufenden Uhren eines Dalí oder den absurd riesenhaften Wasserhähnen und Lichtschaltern eines Claes Oldenburg. Das ist faszinierend, vor allem es ist unglaublich gekonnt.

 

Ein Wort zum Übersetzer

 

Bernhard Strobel, geboren 1982 in Wien, lebt im Nordburgenland. Er ist Übersetzer und Erzähler (Sackgasse, 2007, Nichts, nichts, 2010), der dezidiert nüchtern und unromantisch an seine Sache herangeht; sein Stil beschönigt nichts und folgt seinen Menschen unter Verzicht auf literarische Eleganz und ohne falschen Glanz in ihre emotionalen Sackgassen.

 

Ich freue mich mit dem Literaturverlag Droschl über diesen wohlverdienten Preis.

 

  • Tor Ulven, Dunkelheit am Ende des Tunnels. Geschichten. Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel. 136 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Literaturverlag Droschl, Graz 2012. 19,00 Euro.

 

Ulvens Buch ist eine Hirnweide. Eine Augenweide ist jenes von Stevenson und Wagenbreth. Auch mit Blick auf Weihnachten (oder Nikolaus!) lohnt ein Blick hinein. 

 

Der Pirat und der Apotheker

 

"Der Berliner Comic-Künstler Henning Wagenbreth hat im Werk von Robert Louis Stevenson eine Reihe von Balladen entdeckt, die hierzulande völlig unbekannt sind. Fasziniert von der Kraft der Geschichten hat Wagenbreth eine von ihnen ins Deutsche übersetzt und illustriert: Der Pirat und der Apotheker - „ein Juwel voller bunter Facetten von Gut und Böse, Ehre und Verbrechen, Gier und Anstand, Lüge und Wahrheit.“ (Wagenbreth)


Es ist die Ballade von zwei bösen Buben, den Freunden Robin und Ben. Robin ist ein Rabauke und dreister Räuber, der sich gern prügelt. Ben ist feige und berechnend, er betrügt und stiehlt heimlich. Robin wird Pirat, er kämpft auf allen Weltmeeren, säuft, feiert, kapert Schiffe und erobert Frauen. Als Verbrecher ist er gefürchtet und geachtet zugleich. Ben wird Apotheker, lebt bequem, wählt seine Gattin mit Kalkül, betrügt wo er kann und kommt auf hinterhältige Weise zu Reichtum.

 

Nach vielen Jahren treffen sich die alten Gefährten wieder und vergleichen die Ausbeute ihres Lebens. Als Robin das feige, ehrlose Treiben seines Freundes gewahr wird, kommt es zum gewaltigen Showdown!" (Verlagstext)

 

 

Henning Wagenbreth, geboren 1962 in Eberswalde, ist Professor für
Illustration und Grafikdesign an der Universität der Künste in Berlin.
Sein Bilderbuch Mond und Morgenstern (Peter Hammer Verlag, 1999)
wurde mit der „Goldenen Letter“ im internationalen Wettbewerb
„Schönste Bücher aus aller Welt“ und mit dem ersten Preis der Stiftung Buchkunst im Wettbewerb „Die schönsten deutschen Bücher“ ausgezeichnet.
2009 ging Wagenbreth als Sieger aus dem Wettbewerb zur Plakatgestaltung der Kieler Woche hervor.

 

  • Robert Louis Stevenson, Der Pirat und der Apotheker. Eine lehrreiche Geschichte. Illustriert und übersetzt von Henning Wagenbreth. 48 Seiten, gebunden. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2012. 26,00 Euro

 

Der Band ist auch in einer limitierten, numerierten und signierten Vorzugsausgabe mit beiligendem Siebdruck (numeriert und signiert) lieferbar (99,00 Euro).

 

Meinolf Reul aka urmel

 

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