E. E. Cummings - Eva Hesse - Langewiesche-Brandt - C. H. Beck (2. Teil)

 

von Kristof Wachinger

 

[...] Im Jahre 1970 hörten wir, dass E. E. Cummings vier Märchen geschrieben hat. Er hatte sie seiner kleinen Tochter Nancy erzählt, und diese, groß geworden, hat sie 1963 in Amerika als Kinderbuch herausgebracht. So ähnlich war wohl der Hergang. Wir bekamen den Hinweis entweder von Eva Hesse oder direkt von Anne Gabriele Reck, die die Märchen auf gut Glück übersetzt hatte – und gut übersetzt hatte!

Wir brachten das Buch Fairy Tales - Märchen 1971 als einen der letzten Titel der zweisprachigen Reihe Edition Langewiesche-Brandt, bevor wir diese 1972 dem Deutschen Taschenbuch Verlag übergaben. 1976 erschien im dtv das 8.-10. Tausend. Der Absatz ließ dann langsam nach, so dass der dtv nicht mehr nachdrucken wollte. Wir brachten 1981 eine Neuausgabe in unserer damals begonnenen Reihe textura heraus, mit Buchschmuck von Antonia Cormeau. Die Malerin hatte wunderschöne dekorative meditative abstrakte Zeichnungen gemacht, mit Feder und Pinsel, nicht für dieses Buch, sondern für sich selbst, völlig zweckfrei. Sie gefallen uns noch heute. Ein märchenlesendes Publikum möchte aber in einem Märchenbuch lieber Bilder haben, die nicht reiner Schmuck sind, sondern inhaltlich etwas mit den Texten zu tun haben. Darum haben wir nach Ausverkauf der Auflage eine Neuausgabe geplant und herausgebracht, mit Linolschnitten von Ludwig Arnold. Die sind auch nicht direkt realistische Illustrationen, haben aber doch eine offensichtliche, man könnte sagen: markenartige Beziehung zum Stoff. Zwei der Märchen sind, einsprachig deutsch, in den erfolgreichen Anthologien Der bunte Hund bei Beltz & Gelberg erschienen, mit schönen bunten Bildchen. Die weiteste Verbreitung von allen Cummings-Texten überhaupt hat das Märchen "The Little Girl Named I" gefunden: in dem zweisprachigen dtv-Band First Reader – Erste englische Lesestücke. Dessen Auflage ist bereits über hunderttausend.

 

E. E. Cummings hat mehr als tausend Gedichte geschrieben. Wir fragten Eva Hesse, ob sie uns nicht einen zweiten Gedichte-Band machen wollte. Denn sie als Einzige war von Cummings autorisiert worden, Gedichte von ihm zu übersetzen. Sie sagte: Ihr wisst doch, es gibt von ihm nur dreißig wirklich sehr gute – und jetzt habt ihr sogar schon zweiundvierzig. Also: Kein zweiter Band!

Im Jahr 2000 erhielten wir Post von dem jungen Anglisten Lars Vollert. Der hatte zu seiner eigenen Freude eine Handvoll Cummings-Gedichte übersetzt, darunter ein paar, die in Eva Hesses Buch standen. Eva Hesse, sportlich, bestand nach dem Tod des Dichters nicht auf ihrem Vorrecht. Sie fand einen zweiten Cummings-Band zwar objektiv verkehrt, aber: "wenn ihr denn meiner Bewertung nicht folgen mögt..."

Konkurrierende Übersetzungen hätten wir ungehörig gefunden.

Aber 44 weitere Cummings-Gedichte, lauter andere, mussten einen interessanten zweiten Band ergeben.

Den ergaben sie auch, er hat den Titel like a perhaps hand. Poems - Gedichte.

Die erste Strophe des Titel-Gedichts lautet:

 

Spring is like a perhaps hand

(which comes carefully

out of Nowhere) arranging

a window, into which people look

 

Frühling ist wie eine vielleicht hand

(die vorsichtig kommt

aus dem Nirgends) die richtet

ein fenster her, in das leute schauen

 

In der zweiten Auflage kam ein 45. Gedicht hinzu:

 

i carry your heart with me (i carry it in

my heart) i am never without it...

 

ich trage dein herz mit mir (ich trage es in

meinem herzen) ich habe es stets dabei...

 

"In den Schuhen meiner Schwester"

 

...und so weiter, wunderschön. (Wenn wir aus der Bekanntheit des Films "In den Schuhen meiner Schwester", der Zahl der legalen Nachdrucke, der Leser-Anfragen und der zu vermutenden Raubkopien hochrechnen, dürfte dies das in Deutschland weitest verbreitete Cummings-Gedicht sein.)

Die Kritiker und die Leser, noch so sehr auf Eva Hesse eingeschworen, erkannten Lars Vollert als deren würdigen Kollegen. Sie selber fand ihn auch gut.

(Lars Vollert hat nach seinem Cummings-Band einen Band Gedichte von Robert Frost für Langewiesche-Brandt gemacht.

Auch der erfreut sich großen Ansehens, und beide Vollert'schen Bände erfreuen sich anhaltend guten Erfolges.)

 

Cummings' poetische Autobiografie

 

In Gesprächen zum Thema Cummings spielte immer wieder ein Buch eine Rolle, von dem es hieß, man könne es nicht übersetzen. Nun stach uns doch der Hafer. Lars Vollert übersetzte das Buch, und wir brachten es, in der Reihe textura, zweisprachig:

i. six non-lectures – ich. sechs nicht-vorträge.

Die Poetik-Vorlesung, die E. E. Cummings 1952/53 in Harvard gehalten hat, ist seine existentielle und poetische Autobiografie. Sie ist ein überaus interessantes Stück Zeit- und Literaturgeschichte, in Amerika Pflichtlektüre für alle mit Literatur Befassten. Alle zwei bis drei Jahre erscheint ein Nachdruck, wir hatten als Textvorlage ein Exemplar der 19. Auflage.

Unser Buch erschien 2005. Gewiss: für Deutsche sind diese "nicht-vorträge" ein eher spezieller Gegenstand. Aber wer gern einen hochgemuten (bis hochmütigen) Ostküste-Amerikaner ebenso frech wie sensibel reden hören mag, wird das kleine Buch mögen. Und dank einer brillanten Übersetzung auch verstehen.

Ein hübsches Detail: Am Ende jeder seiner sechs Vorträge hat Cummings ein paar ihm besonders wichtige Gedichte aus der Weltliteratur vorgelesen. Eines davon ist "Under der linden, an der heide" (mit dem berühmten Refrainwort "tandaradei") von Walther von der Vogelweide. Es sei, sagt Cummings, sein liebstes Liebesgedicht überhaupt.

 

Vom Urschlamm durch die Halbwelt zum siebten Himmel

 

2010 übergaben wir den Großteil unseres Verlagsprogramms dem Verlag C. H. Beck. Zu den von Beck besonders gern übernommenen Titeln gehörten die vier von E. E. Cummings.

Im Verlauf der Korrespondenz zur Übertragung der Verträge von Langewiesche-Brandt auf C. H. Beck wurde vom amerikanischen Vertragspartner (Firmage/Norton) eine dort gerade erschienene Sammlung erotischer Cummings-Gedichte angeboten. Einige erotische hatten wir schon in den bisherigen Bänden. Aber nun, geballt: fünfzig.

Ein Freund sagte: "Goethes erotische Gedichte ergäben einen ähnlich umfangreichen Band." Ein anderer: "Wem es zu viel wird, der kann das Buch ja zumachen." Ein dritter: "Im Vorspiel zum Faust heißt es: vom Himmel durch die Welt zu Hölle: Hier bei Cummings könnte es heißen: vom Urschlamm durch die Halbwelt zum siebten Himmel."

Wie auch immer: bei C. H. Beck erschien im Jahr 2011, in der inzwischen anders gestalteten Reihe textura, der Band erotic poems – Erotische Gedichte, zweisprachig, mit der Übersetzung von Lars Vollert (den ich nochmal als Lektor begleitete) und mit einem Nachwort von Benjamin Stein.

Eva Hesse quittierte das ihr zugesandte Exemplar mit einem Lächeln: Die zwei besten Gedichte dieses Bandes stehen auch in meinem Band. Ihr wisst doch: Es gibt von Cummings dreißig, na schön, zweiundvierzig immergrüne. Die stellen das Schaffen der meisten seiner literarischen Zeitgenossen in Amerika und England in den Schatten. Sie gehören fraglos zu den besten lyrischen Texten des 20. Jahrhunderts, Yeats, Eliot und Pound nicht ausgenommen.

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