Vorgestellt: Edition Korrespondenzen

 

Jelineks Mohntorte

 

von Senta Wagner

 

Fast ist es, als ob man in den samtgrün gepolsterten Sesseln des Café Jelinek versänke und nie wieder hochkäme. Wahrscheinlich soll hier keiner so schnell wieder fort. Das Kaffeehaus im 6. Wiener Bezirk ist das erweiterte Wohn- und Besprechungszimmer von Reto Ziegler, dem Literaturverleger der Edition Korrespondenzen, den ich Ende März hier treffe an dem Tisch dicht beim Bollerofen. Der wird heute vom Ober immer wieder mit Holz gefüttert und soll hundert Jahre alt sein. Dann der Name: Jelinek kommt aus dem Tschechischen und bedeutet „Hirschchen“, sagt Ziegler. Elfriede Hirschchen, sie wird das wissen.

 

Der Wahlwiener ist in Bern geboren und nach inzwischen fünfzehn vergangenen Jahren gut heimisch geworden in der Stadt, leise hörbar sein sympathischer Schweizer Akzent. Wien sei die gemütlichste Großstadt, die er kennengelernt habe. Auf dem runden Kaffeehaustisch ist wenig Platz neben unserer Melange, aber wir schaffen es, ein paar Bücher hübsch darauf zu drapieren: ein scharlachrotes, ein mintgrünes, ein schimmernd kieselgraues. Es sind dies die drei Werke der in Wien lebenden österreichischen Schriftstellerin Elfriede Czurda, die in den Jahren zwischen 2008 und 2011 im Verlag erschienen sind. Später sprechen wir über sie, jetzt berühre ich sie schnell.

Reto Ziegler, Foto: Senta Wagner
Reto Ziegler, Foto: Senta Wagner

Linie und Netz

 

Hinter der Idee zum Verlagsnamen stecke nicht nur ein literarischer Bezug (das Sonett „Correspondances“ von Charles Baudelaire), sondern auch eine ganz praktische Begegnung. Ich solle mal an die Pariser Metro denken, da stehe überall „correspondance“ für die Verbindungen/Umsteigemöglichkeiten in den einzelnen Metro-Stationen, die die Fahrgäste durch das dichte Liniennetz lenken. Für Ziegler entfaltet sich aus dem Begriff Verbindung und seinen inhaltlichen Ableitungen daraus wie Netz/Geflecht, sich kreuzende Linien sein Ursprungsprojekt: Das Verlegen einer Literatur aus dem deutschen Sprachraum und ihrer Erweiterung auf die angrenzenden Nachbarländer in Richtung Osten, den Sprung wagen über Sprach- und Nationalitätsgrenzen hinaus und dabei renommierte Autoren mit internationalem Format miteinander verknüpfen.

 

Noch einer, der eine Leidenschaft für die Linie hat, ist der deutsche Architekt Leiff Ruffmann: Zieglers Umschlaggestalter. Mit seinem Sinn für das ausgetüftelt Schlichte verpasst er der Edition sein unverkennbares, identitätsstiftendes Äußeres – keine Bilder, nur Schrift. Eine Handschriftlinie des Autors, positioniert am unteren Buchrand, führt den Leser von der Buchrückseite ausgehend nach vorn in das Buch hinein. Schrift als etwas elementar Gelerntes, in der sich ebenso nationale Unterschiede manifestieren. Apropos Metro: Haben nicht die Franzosen das kleine r schon immer so merkwürdig verschnörkelt geschrieben?

 

Von außen nach innen

 

Farbe, Form, Sorgfalt, Dezenz stehen synonym für das Programm des kleinen Literaturverlags. Schöne und vorzüglich editierte/redigierte Bücher heben die Lesequalität, sagt Ziegler. Fast erliege ich ihrer Anmut, bleibe aber bei den Fakten. Vor ziemlich genau zehn Jahren kamen die ersten Titel der Edition Korrespondenzen auf den Markt, und die Kritik hat schnell mit viel Lob auf die bibliophilen Werke reagiert, freut sich Ziegler, freue ich mich.

 

Im Zentrum des editorischen Interesses von Ziegler stehen Lyrik und erzählende Prosa, aber auch irgendwie Zwischengattungen. Auf gar keinen Fall und nie und nimmer mache er Mainstream-Literatur. Also komplizierte Sachen (ein Etikett, das man Elfriede Czurda gerne anhängt)? Zieglers Autoren müssen mit Sprache und ihren Möglichkeiten arbeiten können, in ihrer poetischen Wirklichkeitserfassung stets nach neuen Wegen suchen, daran erkenne er die Qualität eines Textes.

 

Der Verlag selbst verpasst sich das ästhetische Signet „sprach- und formbewusster“ Literatur aus den Ländern Mitteleuropas. Die Hälfte seien deutschsprachige Titel wie etwa die von Ilse Aichinger: Die ist einfach bekannt, sagt Ziegler. Sie zählt neben dem deutschen Schriftsteller Kurt Drawert, dem tschechischen Dichter Petr Borkovec, der in Berlin lebenden slowenischen Lyrikern Maruša Krese und der slowakischen Dichterin Mila Haugová zu den Autoren und Autorinnen der ersten Stunde – dem Beginn eines „mitteleuropäischen Lyrikdialogs“. Nahezu unbekannte Dichter bekamen durch Übersetzungen auch andernorts eine Stimme. Später kamen Autoren hinzu wie Zsuzsanna Gahse, Oswald Egger, Anja Utler. [...]

 

Lesen Sie die Fortsetzung auf CULTurMAG.

 

Dank an Senta Wagner und Jan Karsten.

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