Die 36. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt

Die 36. Tage der deutschsprachigen Literatur, besser bekannt unter dem Namen Ingeborg Bachmann-Wettbewerb, sind vorgestern mit der Kür der Preisträger zu Ende gegangen.

 

Die Preise wurden wie folgt vergeben:

 

Ingeborg Bachmann-Preis: Olga Martynova

Kelag-Preis: Matthias Nawrat

Ernst Willner-Preis: Inger-Maria Mahlke

3sat-Preis: Lisa Kränzler

Publikumspreis: Cornelia Travnicek

 

Allen Gewinnern herzliche Glückwünsche!

 

Auch die unabhängigen Verlage dürfen sich freuen, speziell Droschl, Nagel & Kimche und Verbrecher.

 

Olga Martynovas prämierter Text "Ich werde sagen: "Hi!"" ist ein Kapitel aus ihrem Roman Mörikes Schlüsselbein, der für kommendes Jahr angekündigt ist (Droschl). Zur Verkürzung und Versüßung der Wartezeit empfehle ich - neben den Gedichten - Martynovas ersten Roman, Sogar Papageien überleben uns (ebenfalls bei Droschl).

Sogar Papageien überleben uns ist ein sprachlich schönes, formal originelles, gebildetes (aber nicht bildungshuberisches) Buch, das eine deutsch-russische Liebes- und Freundschaftsgeschichte erzählt. Darüber hinaus ist es eine wunderbare Hommage an die Oberiuten, jene avantgardistische St. Petersburger Künstlervereinigung, deren bekannteste Mitglieder Daniil Charms und Alexander Wwedenski waren.

Unbedingt zu erwähnen auch, ganz frisch, Gedichte, unter dem Titel von Tschwirik und Tschwirka.

Die Essayistin und Kritikerin Martynova begegnet uns in den Bänden Zwischen den Tischen (zusammen mit Oleg Jurjew, Bernstein Verlag) und Wer schenkt was wem (Rimbaud).

Matthias Nawrat, der den Hauptpreis um eine Stimme verfehlte (aber was macht das schon), hat den Roman Wir zwei allein vorgelegt (Nagel & Kimche), der von Benz erzählt, der seit dem Abbruch seines Studiums als Gemüsefahrer jobbt und damit zufrieden ist - bis ihm Theres begegnet, die ihn zu ausgefallenen Plänen und waghalsigen, allerdings nur in Gedanken unternommenen, Expeditionen, inspiriert. Eine gemeinsame Nacht scheint beider Glück zu besiegeln, doch dann ist Theres plötzlich verschwunden.

 

Matthias Nawrat, Dagmara Kraus, Radek Knapp, Richard Duraj... - es ließe sich eine Liste polnischstämmiger Autoren schreiben, die die deutschsprachige Literatur bereichern, und ich sage, in keine bestimmte Richtung: Danke. (Ich wäre geneigt, noch Uljana Wolf zu nennen, aber sie kommt aus Berlin. Allerdings hat sie mit "an die kreisauer hunde" eines der schönsten 'polnischen' Gedichte geschrieben, ein Klassiker schon jetzt: "o der dorfhunde kleingescheckte schar: schummel / schwänze stummelbeine zähe schnauzen am zaun".)

 

Im Verbrecher Verlag erschien Export A, der Debütroman von Lisa Kränzler, die den 3sat-Preis gewann - ein Erfolg, zu dem man neben der Autorin auch der "Verbrecherei" gratulieren darf, die nicht zum ersten Mal ein Händchen für preiswürdige junge Literatur beweist (jenes für entdeckenswerte ältere einmal beiseite) - ich denke besonders an Nino Haratischwili, doch auch Dietmar Dath, David Wagner, Marc Degens, René Hamann oder, einen Tacken älter, Wolfgang Müller und Enno Stahl sind zu nennen.

 

Export A

"In Kanada, diesem für sie fremden Land, muss sich Lisa Kerz in das Highschool-Leben mit seinen neuen Regeln und Hierarchien einfügen. Und sie ist hin- und hergerissen zwischen den Extremen: auf der einen Seite das aufregende Neue, die Stoner, verlorene Jungs, die sie kennenlernt und mit denen sie schließlich in eine Wohngemeinschaft zieht – mit Punkrock, Drogen, Alkohol, Hunger und Zärtlichkeit. Auf der anderen Seite stehen die sonntäglichen Kirchenbesuche mit der Schwester, mit Predigten, die einer ausgeklügelten Choreografie folgen und angefüllt sind von Gottesliebe, aber auch von Warnungen vor dem Teufel und dem Bösen – und die unbedingte christliche Demut und Enthaltsamkeit verlangen. Lisa droht, zwischen der Angst vor der ewigen Verdammnis und ihrem wilden Leben zerrieben zu werden. Als sei das noch nicht genug, geschieht Lisa etwas Unsagbares, das alles verändern wird, und sie lädt eine Schuld auf sich, die sie ihr ganzes Leben begleiten wird.

In Rückblenden und mit feinsinniger Montagetechnik erzählt Lisa Kränzler in einer wunderbaren Sprache vor der Folie einer in Eis und Kälte erstarrten Landschaft, die Isolation bedeutet, von Einsamkeit und Erwachsenwerden, von Ekstase und Schuld. Ein packender Debütroman!" (Verlagstext)

 

Finesse und Biss

 

Mindestens erwähnt werden müssen Inger-Maria Mahlke und Cornelia Travnicek.

Mahlke - "Sie erzählt mit Finesse und Biss", lobt Peter Weber, der auch selbst diese Gabe besitzt und also weiß, wovon er spricht - ist als Preisträgerin des 17. open mike der Literaturwerkstatt Berlin bekannt geworden. 2010 erschien bei Aufbau ihr Roman Silberfischchen.

"Sie mischt sachlich präzise Beschreibungen mit leicht surrealen Bildern, Slapstick-Szenen mit poetischen Momenten und beweist dabei eine erstaunliche Souveränität. Mahlkes kurzer, konzentrierter Roman ist komisch und zugleich anrührend." (Deutschlandradio)

Von der 1987 geborenen Cornelia Travnicek, jüngste Teilnehmerin des Wettbewerbs, sind seit ihrem Debüt von 2008, dem Prosaband Aurora Borealis, vier Einzelveröffentlichungen erschienen, zuletzt, ganz aktuell, der Roman Chucks. 

Außerdem sind lieferbar die Erzählungen Fütter mich (bei Skarabæus). Travnicek erzählt darin von Menschen, denen der Hunger im Nacken sitzt: der Hunger nach Anerkennung, Schönheit und Liebe. Sie erzählt von dem autistischen Kind mit der Vorliebe, bunte Gegenstände zu verspeisen; von der Frau, die sich bis zur Bewegungsunfähigkeit mästen lässt; vom Jungen, der in seinem verzweifelten Verlangen nach Zuneigung entgleist.

 

Es ist immer leicht, den Schriftstellern mangelnde Welthaltigkeit vorzuwerfen, Nabelschau... Ob's aber stimmt? Ich habe da meine begründeten Zweifel.

 

 

Die preisgekrönten Texte

 

Olga Martynova, Ich werde sagen: "Hi!"

Matthias Nawrat, Unternehmer

Inger-Maria Mahlke, [Die Decke knistert]

Lisa Kränzler, Willste abhauen

Cornelia Travnicek, Junge Hunde

 

 

Der erste Schritt zum Lesen ist der Kauf.

Bibliographische Hinweise

 

Lisa Kränzler, Export A. Roman. 272 Seiten, gebunden. Verbrecher Verlag, Berlin 2012. 21,00 Euro

 

Inger-Maria Mahlke, Silberfischchen. Roman. 199 Seiten, gebunden. Aufbau Verlag, Berlin 2010. 16,95 Euro

 

Olga Martynova, Mörikes Schlüsselbein. Roman. ca. 200 Seiten, gebunden. Literaturverlag Droschl, Graz 2013. 19,00 Euro - erscheint am 8.3.2013

 

Dies., von Tschwirik und Tschwirka. Gedichte. Aus dem Russischen von Elke Erb und Olga Martynova. 96 Seiten, gebunden. Literaturverlag Droschl, Graz 2012. 16,00 Euro

 

Dies./Oleg Jurjew, Zwischen den Tischen. Olga Martynova und Oleg Jurjew im essayistischen Dialog. 128 Seiten, Broschur. Bernstein Verlag, Bonn 2011. 12,80 Euro

 

Dies., Sogar Papageien überleben uns. Roman. 208 Seiten, gebunden. Literaturverlag Droschl, Graz 2010. 19,00 Euro

 

Dies., Sogar Papageien überleben uns. Roman. ca. 204 Seiten, Broschur. btb Verlag, München 2012. ca. 9,99 Euro - erscheint am 8.10.2012

 

Dies., In der Zugluft Europas. Gedichte. Aus dem Russischen von Gerhardt Czejka, Elke Erb, Sylvia Geist, Sabine Küchler, Gregor Laschen, Olga Martynova, Hans Thill, Ernest Wichner. 48 Seiten, gebunden. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2009. 13,50 Euro

 

Dies., Wer schenkt was wem. Besprechungen 1999-2003. 160 Seiten, Broschur. Rimbaud Verlag, Aachen 2003. 10,00 Euro

 

Dies., Brief an die Zypressen. Gedichte. Aus dem Russischen von Elke Erb und Olga Martynova. 48 Seiten, Klappenbroschur. Rimbaud Verlag, Aachen 2001. 10,00 Euro

 

Matthias Nawrat, Wir zwei allein. Roman. 192 Seiten, gebunden. Nagel & Kimche, Zürich 2012. 17,90 Euro

 

Cornelia Travnicek, Chucks. Roman. 192 Seiten, Klappenbroschur. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012. 14,99 Euro

 

Dies., Fütter mich. Erzählungen. 120 Seiten. Skarabæus Verlag, Innsbruck 2009. 14,90 Euro

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