Ein Unbekannter, der neugierig macht, und ein alter Freund

Auf dem von mir geschätzten englischsprachigen "Authors' Calendar"-Blog des Finnen Petri Liukkonen wurde gestern, am 7. Juli, an die Geburtstage von Miroslav Krleža und von Jan Neruda erinnert.

Herr Liukkonen geht immer ausführlich auf Leben und Werk ein und findet gute Zitate, die den Leseappetit steigern.

Der Kroate Krleža war mir gänzlich unbekannt. Ich habe Lust, seinetwegen endlich einen Leseausweis in der Staatsbibliothek zu beantragen. In deutschsprachiger Übersetzung (Klaus Detlef Olof/Gero Fischer) sind Werke von ihm im Kärntner Verlag Wieser erschienen, den ich auch bisher nicht kannte. Nun schlug ich im Internet die Herbstvorschau auf und las das lange poetische Vorwort des Verlegers Lojze Wieser und rate dem geneigten Leser, dies auch zu tun und in eine bezaubernde Gedankenwelt einzutauchen, die immer droht zu verschwinden, aber durch die Jahrhunderte doch stets wieder aufscheint. Es ist der Gesang des Barden, der viel von der Welt gesehen, der viel durchlitten und durchdacht und der sich ein großes Herz bewahrt hat und allem trotz Kummer das Schöne und Gute abgewinnen kann, was zumeist mit dem Menschengefährten zu tun hat.

Mir fehlt's an Mitteln, aber zumindest will ich Reklame machen für beide mir bisher Unbekannten, Verleger und Autor. Von Miroslav Krleža gibt es bei Wieser: Der kroatische Gott Mars, Die Rückkehr des Filip Latinovicz und das Essay Zadars Gold und Silber.

Was mich weiter dabei anzieht, das ist die Region, die alte K. & K. Monarchie. Jüngst las ich mit Gewinn zur Geschichte der Lippizaner (von Frank Westerman, bei C. H. Beck), und zuvor von Claudio Magris mit Angelo Ara Triest (dtv), und dann lockt von Neal Ascherson Black Sea (englisch in der Folio Society) – es ist eine Region, die zu Europa gehört aber den Hauch ferner Länder verströmt.

Der alte Freund, Jan Neruda, kam aus Prag und schrieb über Prag. Er wird unter anderem von Vitalis verlegt, der noch in der hier im Blog veröffentlichten Liste der unabhängigen Verlage fehlt.

In der Verlagsgeschichte heißt es: "Einige große Bäume stehen auf der Vitalis-Wiese beisammen: Franz Kafka, Jan Neruda, Adalbert Stifter, Božena Němcová, Gustav Meyrink [noch einer meiner Lieblingsautoren], Rainer Maria Rilke, Jaroslav Hašek – die berühmten Landeskinder sind im Verlagsprogramm mit zahlreichen Buchausgaben vertreten."

 

Jan Nerudas Kleineitner Geschichten bedeuten mir viel. Ich hatte lange nicht mehr darin gelesen.

In Somerset Maughams Kurzgeschichten stieß ich vor einiger Zeit auf die mit den zwei zänkischen Alten im Sanatorium – eine herrliche Erzählung –, und die erinnerte mich wieder an die Herren Ryšánek und Schlegl. Das Zitat in "Authors' Calendar" stammt just aus dieser Erzählung Nerudas. In unserer Leserunde fing ich also an, daraus vorzulesen, stolperte aber über Nerudas hässlichen Antisemitismus, der nun mal ein Teil von ihm ist, den ich aber ganz vergessen oder verdrängt hatte. Er passt nun gar nicht zu Nerudas allgemeinem Menschenbild, und vielleicht ist er so einzuordnen, wie Knut Hamsuns extremer Engländerhass.

Noch ein Beispiel: 2001 schrieb Peter Gay in einer Rezension in der New York Review of Books über sein Unverständnis, wie Mihail Sebastian in den Dreißiger Jahren seine Freundschaft mit seinem rumänischen Landsmann Mircea Eliade nicht aufkündigte, als dieser immer schärfer nach rechts rutschte. Aber ich verstehe Sebastian in diesem Punkt der Freundschaft (was immer man sonst von Eliade halten mag). Man kann und soll sich darüber ärgern und grämen, aber das sollte einen nicht am Weiterlesen hindern.

Jedenfalls lege ich die Lektüre von den Kleinseitner Geschichten trotz alledem dem Leser von heute mit Nachdruck ans Herz. Die Vitalis Ausgabe ist liebevoll gemacht und beschert einem obendrein eine Fülle schöner Illustrationen von Karel Hruška. Nerudas Geschichten schöpfen aus einem ungeahnten Reichtum menschlichen Miteinanders, erfreuen mit feinem Humor und lassen einen nachdenklich und beschenkt.

 

Margarete Haimberger, Berlin

 

 

Miroslav Krleža, Der kroatische Gott Mars. Kriegsnovellen. Aus dem Kroatischen von Milica Sacher-Masoch und Reinhard Federmann. 442 Seiten, gebunden. Wieser Verlag, Klagenfurt 2009. 21,00 Euro

 

Ders., Die Rückkehr des Filip Latinovicz. Roman. Aus dem Kroatischen von Klaus Detlef Olof. 410 Seiten, gebunden. Wieser Verlag, Klagenfurt 2008. 24,00 Euro

 

Ders., Zadars Gold und Silber. Essay. Aus dem Kroatischen von Gero Fischer. 135 Seiten, englische Broschur. Wieser Verlag, Klagenfurt 2007. 14,80 Euro

 

Reinhard Lauer, Wer ist Miroslav K.? Leben und Werk des kroatischen Klassikers Miroslav Krleža. 243 Seiten, gebunden. Wieser Verlag, Klagenfurt 2010. 14,80 Euro

 

Frank Westerman, Das Schicksal der weißen Pferde. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse und Gregor Seferens. 287 Seiten, gebunden, mit 3 Karten und 1 Stammtafel. Verlag C. H. Beck, München 2012. 19,95 Euro

 

Claudio Magris/Angelo Ara, Triest. Eine literarische Hauptstadt in Mitteleuropa. Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend.

304 Seiten, Broschur. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2009

(5. Auflage). 9,90 Euro

 

Neal Ascherson, Black Sea. Mit einem Vorwort des Verfassers.

304 Seiten mit einem Frontispiz und 16 Seiten mit Illustrationen in Farbe und s/w, gebunden. Folio Society, London 2011. £29.95

 

Jan Neruda, Kleinseitner Geschichten. 347 Seiten, gebunden, mit Illustrationen von Karel Hruška. Vitalis Verlag, Prag 2005 (3. Auflage). 14,90 Euro

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