Ein Besuch beim Milena Verlag

 

Heftig abgestaubt

 

Ein Porträt des Milena Verlags aus Wien

 

von Senta Wagner

 

Erst neulich sei einer mit Fußfessel hereinspaziert gekommen und wollte ein Buch kaufen. Was von außen vielleicht wie eine Buchhandlung aussieht wegen der ausgestellten Bücher und Plakate in den kleinen Fenstern, stellt sich von innen heraus als die Heimat des Wiener Milena Verlags. Dieser befindet sich ebenerdig in einem großen Wohngebäude – in Ruf- und Sichtweite des größten österreichischen Gefangenenhauses. Wir sind hier bitte mitten in einem Wohnbezirk, in einer Wohnstraße, im 8. Gemeindebezirk (hinterrücks vom Rathaus gelegen) und nicht irgendwo auf der grünen Wiese. Ich fühle mich ein bisschen verdächtig und unwohl, dabei sei es nirgends sicherer als hier in dieser Gegend.

 

Drin in ihren Räumen treffe ich die Milenas: die Verlegerin Vanessa Wieser und Evelyn Steinthaler, ihre Mitarbeiterin für Presse und Veranstaltungen.

Milena Jesenská
Milena Jesenská

Es geht um mich herum ein bisschen verwinkelt zu, drei, vier Arbeitsplätze, viele verpackte Bücher in deckenhohen Regalen. Der Verlag als sein eigenes Lager, zwei weitere sind ausgelagert. Es gibt Tee am Tisch zum Gespräch, ich beziehe den lila Rundsessel, gegenüber leuchtet eine lilafarben gestrichene Wand, Licht kommt aus einer pinkfarbenen kleinen Stehleuchte. Alles so schön bunt hier? Frauenpower? Ihre Milena sei die Jesenská, die tschechische Schriftstellerin und Journalistin, die eng mit Kafka befreundet war, sagen mir die beiden. Da hängt sie, ich sehe ein Foto von ihr. Ihre Aura beflügelt die Buchmacherinnen, die ihr Erfolg in der Branche sichtlich stolz macht. Tatsächlich feiert der Verlag in diesem Jahr das fünfjährige Jubiläum seines Bestehens, dabei ist er ein in Verlagslebensjahren gemessen recht alter Verlag, der nach einer erstaunlichen Häutung inzwischen einen festen Platz in der deutschsprachigen Verlagslandschaft eingenommen hat, allen ökonomischen Krisen zum Trotz.

Evelyn Steinthaler und Vanessa Wieser
Evelyn Steinthaler und Vanessa Wieser

Am Anfang war

 

Zu der Zeit der Entstehung des Verlags 1980 in Wien steckten die heutigen Milenas noch halb in den Kinderschuhen und waren ebenso weit vom Verlagsgeschäft und der Großstadt entfernt. Hinter Milena steckte damals ein reiner Frauenverlag, der sich aus einem Zusammenschluss autonomer Autorinnen gebildet hatte, der Wiener Frauenverlag – im Jahr 1997 umbenannt in Milena Verlag. Damals war der Buchmarkt noch schlanker, Nischenverlage konnten sich gut etablieren und mit spezifischen, vor allem feministischen Themen ein Publikum finden. Später nicht mehr, die Buchverkäufe gingen schlechter, mit der strikten programmatischen Ausrichtung tat man sich keinen Gefallen. Ein Mann, ein männlicher Autor müsse ins Programm, war Vanessa Wieser überzeugt, die seit 1997 beim Milena Verlag beschäftigt war. Überhaupt würde sie, wäre sie die Chefin, alles anders machen. Mit dem Feminismus, den Theorien, der Literatur sei sie durch, sagt sie heute, jetzt sei sie offen für die ganze Welt(-literatur). Tatsächlich übernimmt sie 2007 die Verlagsleitung von Barbara Neuwirth und veröffentlicht im Frühjahr 2009 Sunnyboy von Jan Kossdorff, was ein regelrechter Ausschlag in die andere Richtung war, geht es in dem Roman doch um einen "Trip in männliche Gefühlswelten".

Vanessa Wieser
Vanessa Wieser

Nach anfänglich schlaflosen Nächten, so die Verlegerin, gelingt es ihr, den Verlag schrittweise umzumodeln, zu entstauben. Überhaupt, Staub ist neben der Vokabel heftig ein ganz wichtiger Begriff im Marketing des Verlags. Wieser nimmt also eine mutige Imagekorrektur vor und verpasst dem Label mehreres: die neuen Räumlichkeiten beim Gefangenenhaus, das schrille Erscheinungsbild samt neuer Typo, die neuen Autorinnen und Autoren, den Erfolg. Die Rückanbindung an den alten Frauenverlag schimmert sachte weiterhin durch in dem gewünschten Gestus der Gesellschaftskritik, dem Auftrag der Milena-Bücher, nun aber mit anderen als nur feministischen Tönen. Es geht etwa um Kritik an Kapitalismus oder Rassismus.

 

Als wieder ruhig geschlafen wird, setzt der Verlag schnell auf Vielseitigkeit und Flexibilität im Programm, um ein möglichst breites Lesepublikum anzusprechen. Ich zähle ganze acht Reihen, dabei sei die Gewichtung nicht immer gleich, heißt es, das hänge auch von den existenzsichernden Förderungen ab. [...]

 

Lesen Sie die Fortsetzung auf CULTurMAG.

 

Den beiden Milenas von dieser Stelle aus herzliche Grüße.

 

Dank an Senta Wagner und Jan Karsten.

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