Neues aus dem Alexander Verlag

Seit einiger Zeit ist im Alexander Verlag eine niederländisch-flämische Linie zu beobachten, die der Verleger, Alexander Wewerka, auszubauen sich anschickt.

 

Bisher sind erschienen der Kriminalroman Dollars (2010) von Gerben Hellinga sowie die Romane Menuett (2011) und Mein kleiner Krieg (2012) des Belgiers Louis Paul Boon. Besonders schön und erfreulich die für September angekündigte Neuausgabe des Romans Türkischer Honig (Turks fruit) von Jan Wolkers, 1973 von Paul Verhoeven mit Monique van de Ven und Rutger Hauer in den Hauptrollen kongenial verfilmt. Auch die hochaktuelle, provozierend betitelte Streitschrift No Copyright zum Thema Urheberrecht ist niederländischer Provenienz.

 

Auch sonst hält der Alexander Verlag die graue Masse (die eigene und die der Leser) in Bewegung - dazu passt hervorragend das von Roland Topor gestaltete Signet, das einen über Gehirnwindungen kurvenden Skifahrer zeigt.

 

Zum 'Kerngeschäft' des zunächst auf Theater- und Filmliteratur spezialisierten Hauses kann der Band Haneke über Haneke gezählt werden (in Vorbereitung). Angelehnt an Truffauts berühmtes Interview-Buch Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?, haben die Kritiker Michel Cieutat und Philippe Rouyer den österreichischen Regisseur über einen längeren Zeitraum ausführlich interviewt und Gespräche zu jedem einzelnen seiner Filme geführt – angefangen von seinem ersten Fernsehspiel Und was kommt danach? (1974) bis hin zu Amour, für den Haneke im Mai 2012 zum zweiten Mal die Goldene Palme gewann.

 

Ein weiteres Filmbuch muss unbedingt erwähnt werden: Hitchcock von Claude Chabrol und Éric Rohmer. Beide standen 1957, als Hitchcock erschien, kurz davor, jeweils eine eigene erfolgreiche Karriere als Regisseur zu starten; damals aber arbeiteten sie noch als Filmkritiker (bei den Cahiers du Cinéma). Sie analysieren in chronologischer Reihenfolge jeden einzelnen der bis dato entstandenen 45 Filme - enthusiastisch, provokativ, und schlüssig in ihrer Argumentation - und warten mit Resultaten auf, die auch für Hitchcocks spätere Filme gültig sind. Der Alexander Verlag bringt Hitchcock (in Vorbereitung für Januar 2013) als deutsche Erstausgabe - qui l'eût cru!?

 

Auf die folgenden sieben Bücher - sieben der schönen Zahl wegen -, die gemeinsam mit den bereits genannten die Physiognomie des Verlags besser erkennen lassen, möchte ich zumindest hinweisen:

 

  • Sylvère Lotringer, Ich habe mit Antonin Artaud über Gott gesprochen. Streitgespräch (aneinander vorbei) zwischen S. L., französischer Literaturprofessor in New York, und Dr. Latrémolière, der den genialen Theatermann Artaud in den 40er Jahren mit Elektroschocks behandelt hat
  • Jonathan Cott/Glenn Gould, Telefongespräche. Mehrstündige Interviews, die Cott fernmündlich mit dem notorisch schlaflosen Gould für den Rolling Stone geführt hat
  • Sebastian Haffner, Der neue Krieg. "Man kann einen Volkswiderstand, bei dem Soldat und Zivilist, Freund und Feind nicht mehr zu unterscheiden sind, nicht mit Flächenbombardements niederschlagen; man facht ihn eher damit an." (1966)
  • Ross Thomas, Der achte Zwerg. Fortsetzung der 1A-Ross Thomas-Werkausgabe. "Ross Thomas ist ein Krimiautor, dessen Bücher man mehr als einmal mit Freude lesen kann", urteilt Kollege Eric Ambler
  • Ross Thomas, Gelbe Schatten. Nachdem seine Bar in Bonn in die Luft gesprengt wurde, ist McCorkle mit seiner Frau Fredl in die USA zurückgekehrt. Als sein Geschäftspartner Mike Padillo mit einem Messerstich von einem Schiff taumelt, löst sich der Traum von einem ruhigen Leben in Luft auf 
  • Peter Brook, Das offene Geheimnis. "Theater führt uns durch Überraschung, durch Erregung, durch Spiel, durch Freude zur Wahrheit. Es macht die Vergangenheit und die Zukunft zu Teilen der Gegenwart, es ermöglicht uns eine Distanz zu dem, was uns normalerweise umfängt, und überwindet die Distanz zu dem, was normalerweise weit weg liegt."

 

Das letzte Wort hat Verleger Alexander Wewerka. Seine  Verlagsvorstellung bietet manche der Auskünfte, die ich hier, aus Platzgründen oder Faulheit, ausgelassen habe - nicht zuletzt seine Vorstellung von einem Verlag (die ich auch als Buchhändler, in meiner aktiven Zeit, hätte unterschreiben können):

 

"In der Regel sind bei der Programmgestaltung die wichtigsten Kriterien mein persönliches Interesse und Begeisterung, gepaart mit einem gewissen Missionarseifer und Mitteilungszwang."

 

Bibliographische Hinweise

 

Gerben Hellinga, Dollars. Sid Stefan in Amsterdam. Roman. Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers. 272 Seiten, Klappenbroschur, Fadenheftung. Deutsche Erstveröffentlichung. Alexander Verlag, Berlin 2010. 14,90 Euro. eBook 8,49 Euro

 

Louis Paul Boon, MENUETT. Roman. Aus dem Niederländischen von Barbara und Alfred Antkowiak. Mit einem Nachwort von Carel ter Haar. 152 Seiten, Klappenbroschur, Banderole. Alexander Verlag, Berlin 2011. 14,90 Euro

 

Louis Paul Boon, Mein kleiner Krieg. Aus dem Niederländischen von Helmut Müller und Jan Vandenbroecke. Mit einem Nachwort von Carel ter Haar. 152 Seiten, Klappenbroschur, Fadenheftung, Banderole. Alexander Verlag, Berlin 2012. 14,90 Euro

 

Marieke van Schijndel/Joost Smiers, NO COPYRIGHT. Vom Machtkampf der Kulturkonzerne um das Urheberrecht. Eine Streitschrift. Aus dem Niederländischen von Ilja Braun. Mit einem Nachwort von Jürgen Marten. 168 Seiten, Broschur, Fadenheftung. Alexander Verlag, Berlin 2012. 9,95 Euro. eBook 4,99 Euro

 

Jan Wolkers, Türkischer Honig. Roman. Aus dem Niederländischen von Rosemarie Still. Mit einem Vorwort von Arnon Grünberg und einem Nachwort von Onno Blom. 250 Seiten, gebunden, Fadenheftung, Banderole. Alexander Verlag, Berlin 2012. 19,90 Euro - erscheint im September 2012

 

Michel Cieutat/Philippe Rouyer, HANEKE über HANEKE. Aus dem Französischen von Marcus Seibert. 400 Seiten, Broschur, zahlreiche s/w-Abbildungen. Alexander Verlag, Berlin 2012. 27,90 Euro - erscheint im Oktober 2012

 

Claude Chabrol/Éric Rohmer, HITCHCOCK. Aus dem Französischen von Robert Fischer. 250 Seiten, Broschur, Fadenheftung, zahlreiche s/w-Abbildungen. Alexander Verlag, Berlin 2013. 19,90 Euro - erscheint im Januar 2013

 

Sylvère Lotringer, Ich habe mit Antonin Artaud über Gott gesprochen. Ein Gespräch zwischen Sylvère Lotringer und dem Nervenarzt Dr. Jacques Latrémolière. Aus dem Französischen von Sabine Günther. 208 Seiten, Broschur. Alexander Verlag, Berlin 2001. Sonderpreis 5,00 Euro

 

Arthur Schopenhauer, Ueber Schriftstellerei und Stil. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Ludger Lütkehaus. 112 Seiten, gebunden, Lesebändchen, Fadenheftung. Alexander Verlag, Berlin 2003. Sonderpreis 5,00 Euro (nur noch wenige Exemplare)

 

Jonathan Cott, Telefongespräche mit Glenn Gould. Aus dem Englischen (USA) von Frank Arnold, Alexander Waechter und Eric Peter Germain. 128 Seiten, Broschur. Alexander Verlag, Berlin 2012. 12,99 Euro

 

Sebastian Haffner, Der neue Krieg. Mit einer E-Mail von Jürgen Kuttner. 112 Seiten, Broschur. Alexander Verlag, Berlin 2012. 9,99 Euro

 

Ross Thomas, Der achte Zwerg. Thriller. Aus dem Englischen (USA) von Edith Massmann, bearbeitet von Stella Diedrich und Gisbert Haefs. 352 Seiten, Klappenbroschur, Fadenheftung. Alexander Verlag, Berlin 2011. 14,90 Euro. eBook 8,49 Euro

 

Ross Thomas, Gelbe Schatten. Der zweite McCorkle-und-Padillo-Fall. Aus dem Englischen (USA) von Wilm W. Elwenspoek, Stella Diedrich und Gisbert Haefs. 284 Seiten, Klappenbroschur, Fadenheftung. Alexander Verlag, Berlin 2012. 14,90 Euro. eBook 8,49 Euro

 

Peter Brook, Das offene Geheimnis. Gedanken über Schauspielerei und Theater. Aus dem Englischen von Frank Heibert. Mit einem Nachwort von Hans-Thies Lehmann. 160 Seiten, Broschur, Fadenheftung. Alexander Verlag, Berlin 2012. 14,90 Euro

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