Mara Genschel & Valeri Scherstjanoi, Vom Nachtalpenweg

 

Was läge näher, als zu Pfingsten auf ein Buch hinzuweisen, das sich dem Zungenreden verschrieben (versprochen) hat?! So einem Buch, das ist klar, muss auch eine CD beiliegen: Valeri Scherstjanoi (Stimme) und Mara Genschel (Stimme und Geige) interpretieren historische Glossolalien (altgriechisch glôssa = "Zunge" + altgriechisch laleô = "sprechen"), eigene Lauttexte sowie das Lautgedicht "Maori Toto-Vaca" aus dem von Richard Huelsenbeck 1920 in Berlin herausgegebenen DADA Almanach. (Der Abdruck darin erfolgte damals auf Anregung Tristan Tzaras, dem der Text später fälschlicherweise zugeschrieben wurde.)

 

Eine Hörprobe des titelgebenden Stücks findet sich auf lautland, der Website Scherstjanois, der es auch geschrieben hat und hier auf

unnachahmlich hals- und zungenbrecherische Weise intoniert. Genschel steuert mauschelige, dämmerige, schabende, kratzende Geigenklänge bei, die sehr gut zum konspirativen Gestus passen, mit dem Scherstjanoi die Worte "und zurück. Mit dem Fahrrad" mehr verschluckt als ausspricht:

"Friss fifk oder Vom Nachtalpenweg über den Gnomenplatz in den Schwarzelfenweg und zurück. Mit dem Fahrrad" [2:42].

 

Wer's mal versuchen möchte:

 

"Fkfu

Fkfu ufif kufk

n.........fefe

fefk

fyrk fyrk k ffffyr yyyyr farr

fyfk fyfk kfyf

kfrr

schtsch

t oss fffru [...]"

 

"Über den Nachtalpenweg, aus dem mitteleuropäischen Raum, Mitte des 19. bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts, verdeckt von Missverständnis und Vergessen, kommen [...] die Glossolalien [...], denen unser Projekt gewidmet ist. Zu ihrer Zeit erregten sie ein großes öffentliches Interesse in der so genannten Pfingstbewegung. Uns sind sie heute nur als Schriftsprache überliefert. Wie sie als Lautsprache [...] klangen, bleibt ein Rätsel", schreiben Genschel und Scherstjanoi in ihrem informativen Vorwort.

Sie erwähnen den Einfluss, den die Glossolalien auf Dada, aber auch auf die russische Dichtung ausübten. Viele Beispiele dieser ekstatischen Poesie "in unverständlicher Sprache" (Alexej Krutschonych) sind im dickleibigen Band Religiöse Ekstase im russischen mystischen Sektierertum von Dmitry Konowalow versammelt. Scherstjanoi und Genschel bringen daraus sechs Beispiele, dazu eines aus dem Buch Die Lieder des russischen Volkes, in lautpoetischer Bearbeitung. 

Eine deutsche Zungenrednerin war die medial begabte Kaufmannsfrau Friederike Hauffe. Der halbwegs vergessene schwäbische Arzt und Dichter Justinus Kerner - Der ewige Brunnen zitiert ihn u. a. mit den schönen Versen: "Was im weinenden Auge mir oft die Tränen zurückhält, / ist ein spielendes Kind oder ein Vogel im Flug" -, hat sie über mehrere Jahre beherbergt und beäugt und schließlich einen zweibändigen Roman über sie geschrieben, Die Seherin von Prevorst (1829).

Mara Genschel widmet der Friederike Hauffe zwei Lautgedichte, deren erstes, kürzeres, sie prestissimo vorträgt; das zweite hat auch Ritardandos: "Allah Allah Allah".***

 

Außerdem steuert sie "3 Ex-Texte" bei, und es ist faszinierend, ihr dabei zuzuhören, wie sie Stimme und Mikrophon einsetzt, um die Artikulation zu schärfen oder zu verwischen. Die in der Sprache gefestigten und erkalteten Wörter verflüssigen und erhitzen sich im Sprechen, verflüchtigen sich, die Buchstaben zerstieben... Da ist in der Tat Christian Schloyer zuzustimmen: "Mara Genschel muss man hören."

Dennoch sind es Texte. Mögen sie auch eine gemeinsame Schnittmenge mit der Mündlichkeit haben - sie stehen auf dem Feld der Schriftlichkeit. Dafür spricht auch Genschels Anmerkung : "Orthographisch und formal verhalten sich die Ex-Texte schamlos eklektizistisch. Ihrem Wesen wäre es dienlich, wenn die Umlaute sich in barocker Manier sogar übereinander setzen ließen."

 

***Beide in Text und Ton auch enthalten in: Christian Scholz/Urs Engeler (Hgg.), Fümms bö wö tää zää Uu. Stimmen und Klänge der Lautpoesie. Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein 2002.

 

Bibliographischer Zettel für (Ihren) Buchhändler

 

  • Mara Genschel & Valeri Scherstjanoi, Vom Nachtalpenweg. Buch (28 Seiten, Fadenheftung, Pappe mit aufgeklebtem Schildchen) + Audio-CD [36 Minuten]. Mit einem Original-Schriftblatt von Mara Genschel. Auflage: 50 Exemplare. Hybriden-Verlag, Berlin 2009. 50,00 Euro (Reihe mimas atlas #9)

 

... und eine beinahe schon klassische Veröffentlichung zur lautpoetischen Dichtung - ein Standardwerk allemal:

 

  • Christian Scholz/Urs Engeler (Hgg.), Fümms bö wö tää zää Uu. Stimmen und Klänge der Lautpoesie. Buch (448 Seiten, Fadenheftung, Hardcover) + Audio-CD [57 Minuten]. Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein 2002. 48,00 Euro 

 

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